Von Rudolf Herlt

Wer vom Weltwirtschaftsgipfel, der in dieser Woche in London stattfindet, nicht zuviel erwaret, orientiert sich an Erfahrungen. Wie immer fahren die Staats- und Regierungschefs aus den Vereinigten Staaten, Kanada, Japan, Frankreich, Großbritannien, Italien und der Bundesrepublik mit dem Wunsch nach politischer Harmonie zu diesem Treffen. Sie leben ja seit langem mit der Erkenntnis, daß heute kein Land für sich allein Wohlstand herbeizaubern kann. Auf der anderen Seite sind sie sich ihres offenkundiges Unvermögens klar bewußt, Wirtschaftspolitik zu Haus so anzulegen, daß draußen niemand Schaden nimmt. Gipfel sind erfunden worden, um dieses Dilemma zu überbrücken. Doch auf den vorangegangenen acht Veranstaltungen ist dies den Gipfelstürmern ebensowenig gelungen, wie es ihnen in London gelingen wird.

Oder doch? Steht ihnen diesmal das Wasser schon so weit unter dem Kinn, daß sie – wenn nicht aus kühl kalkulierter Einsicht, so doch wenigstens aus Gründen der Selbsterhaltung – zur politischen Kooperation fähig sind? Sie haben allen Grund. Der Gesprächsfaden zwischen den beiden Supermächten ist gerissen. In der westlichen Allianz wachsen die – rhetorisch mühsam überdeckten – Spannungen. Im Persischen Golf brennen Tanker, und die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Iran und Irak bedrohen die Ölversorgung des Westens. Mittelamerika entwickelt sich zu einem weltpolitischen Krisenherd.

Immer mehr Entwicklungsländer können ihre Schulden nicht bezahlen und stöhnen unter wachsenden Zinslasten. Mit dem Beinahe-Zusammenbruch der Continental Illinois Bank, der achtgrößten amerikanischen Bank, hat das Vertrauen in die internationalen Finanzmärkte einen neuen Stoß erhalten. Die rasche Rettungsaktion der US-Regierung und ihrer Zentralbank machten aller Welt deutlich, wie ernst die Verantwortlichen die Gefahr einer Kettenreaktion nehmen, die – wie Ende der zwanziger Jahre – mit dem berüchtigten „großen Krach“ enden könnte. Schon jetzt sind in den westlichen Industrieländern rund 35 Millionen Menschen ohne Arbeit.

Düsterer als heute war das Bild nach dem Zweiten Weltkrieg selten. Die Helfer der Chefs aus den sieben Industriestaaten, die Sherpas, haben nur wenig Erfreuliches zum Gipfel hinaufgeschleppt. Dazu gehört die Hoffnung – mehr ist es noch nicht –, daß die wirtschaftliche Belebung (in den Vereinigten Staaten und Japan schon jetzt stark, in Europa noch ohne ausreichenden Schwung) soviel Kraft hat, daß eine lange Erholungsphase daraus wird. Nur so könnten die beiden gefährlichsten Zeitbomben entschärft werden: die Arbeitslosigkeit und die Schuldenkrise. Was also muß getan werden, damit der Wirtschaftsamt schwung in den Industrieländern nicht nur ein kurzlebiges Strohfeuer bleibt? Das ist die zentrale Frage, mit der sich die Sieben in London befassen wollen. Wenn sie den Stier bei den Hörnern packen wollen, werden sie zwei große Initiativen auf den Weg bringen müssen:

  • Maßnahmen zur Senkung der US-Zinsen und
  • einen neuen Angriff zur Befreiung des Welthandels von seinen protektionischtischen Fesseln.

Den immer wieder abgegebenen Gipfelgelöbnissen, jeder müsse bei seinen wirtschartspolitischen Entscheidungen darauf achten, welche Wirkungen sie in den Partnerländern auslösen, sollten jetzt Taten folgen. So sind von allem der starke Dollar und die hohen amerikanischen Zinsen eben keine inneramerikanische Angelegenheit. Sie berühren jedes Land auf dem Globus – selbst Ostblockländer, die im Westen verschuldet sind. Das Interesse an einer Senkung der amerikanischen Zinsen ist deshalb weltweit.