Von Hartmut von Hentig

Nehmen wir an, wir Pädagogen hätten uns von beidem überzeugt: vom Nutzen und von der Gefahr der neuen Medien, wir hätten uns nicht in den unversöhnlichen Gegensatz treiben lassen: die neuen Medien seien notwendig und unvermeidlich oder überflüssig, dem Menschen unbekömmlich und darum unter allen Umständen abzuwehren. Was können und was müssen wir tun?

Anders als vor dreieinhalb Jahrzehnten, als es in der Bundesrepublik um die Errichtung unserer Demokratie und also um die Unterstützung dieses Prozesses durch eine politische Bildung ging; anders als bei den gesellschaftlichen Aufgaben Friedenssicherung und Umweltschutz; anders auch als bei der Bewältigung der sozialen Probleme durch soziale Reform oder der Hilfe für die Dritte Welt – wo die Pädagogik überall damit rechnen konnte, die jungen Menschen für ihre Aufgaben und ihre Absichten zu gewinnen – kann sie hier nicht hoffen, mit den Schülern und mit der Gesellschaft zu arbeiten. Sie muß darauf gefaßt sein, daß sie beide gegen sich hat.

Ja, die Pädagogik ist in ein kaum lösbares Dilemma geraten: Leistet sie der um das Aufwachsen der Kinder unbekümmerten Mediatisierung Widerstand, isoliert sie sich, kündigt sie ihren bisherigen gesellschaftlichen Auftrag, auf das Leben vorzubereiten. Läßt sie sich auf die Mediatisierung ein, betreibt sie ihren eigenen Abbau, eine Entschulung der Gesellschaft jedenfalls, denn längst haben die Medien der Schule wichtige Aufgaben und Wirkungen genommen. Sie haben sie der Bewahranstalt beträchtlich näher gebracht.

Die meisten Probleme, die die Computertechnik und die Vermehrung von Telekommunikation mit sich bringen, müssen politisch und gesellschaftlich angegangen werden: der Arbeitsplatzverlust, die Zunahme unerfüllter Freizeit, der Kampf um die Stellung der Nation auf dem internationalen Markt, die Big-Brother-Probleme und die Wahrung einer pluralistischen öffentlichen Meinung, die Folgen des neuen „radikalen Monopols“ der Telematik (im Sinne von Ivan Illich) und die Folgen der radikalen und einheitlichen Techno-Struktur. Das meint: Die Normvorstellung, die das Arbeitssystem vom Menschen als human operating unit hat, setzt sich bis in das soziale System fort; der Mensch unterwirft sich ihr bis in seine Privatsphäre hinein ganz ohne das politische System von „1984“; und auf dem Rücken dieses Prozesses werden – darauf hat Helga Nowotny hingewiesen – „misfits“, der Ausschuß, Untaugliche und Unwillige hervorgebracht!

Natürlich ist es möglich, einen Teil der Jugendlichen zu Computer- und Bildschirmstürmern zu machen. Aber die Mehrheit wendet sich schon jetzt den neuen Techniken zu, erobert sie sich, eilt den Erwachsenen, vor allen den Lehrern und der antiquierten Schule davon, deren Gegenstand und Verfahren noch nie bei allen gegriffen haben.

Damit bin ich bei einer zweiten Kategorie von Problemen, die die Aufgabe der Schule und der Pädagogik unmittelbar betreffen: Das umfassendste unter ihnen ist das, was Jerry Mander in seinem Buch „Schafft das Fernsehen ab!“ die „Enteignung der Erfahrung“ nennt – eine Ausdehnung der Entfremdungstheorie von den Produktionsverhältnissen, der Technik und der Wissenschaft auf einen Bestandteil des Lebens, der dieser Theorie seinem Begriff nach widersteht. Wir sehen nun deutlich: nur seinem Begriff nach! Zwar waren uns auch früher die Natur, die Geschichte, die Völker in anderen Teilen der Erde zumeist nur durch Abbildungen, gedruckte Texte, Berichte aus zweiter und dritter Hand bekannt, aber diese gaben ihren Abbildcharakter offen zu. Man blieb selber in der beschränkten, wahren, erfahrenen Welt, von der sie ein eigentümlicher Teil waren. Das Fernsehen hingegen gibt uns das Gefühl, da, hinter der Mattscheibe, laufe ständig die eigentliche Welt ab; hier, in der Wohnstube, im Büro, am Fließband, erführen wir ohne diesen Apparat nichts davon; hier sind wir eingeschlossen und ausgeschlossen zugleich. Das Fernsehen stellt nur eine Verschärfung eines in der technischen und wissenschaftlichen Zivilisation überhaupt waltenden Entfremdungszustands dar.