Von Richard Gaul

Von jetzt an wird der Streik in der Metallindustrie für die deutschen Autofirmen teuer: „Nach zwei bis drei Wochen“, so hatte Daimler-Benz-Chef Werner Breitschwerdt verkündet, „wirkt sich der Produktionsausfall auch auf den Gewinn aus – dann aber gleich sehr stark.“ Am Donnerstag dieser Woche ist diese Frist abgelaufen; genau 21 Tage zuvor wurden die Bänder in der Personenwagen-Montage von Daimler-Benz angehalten.

Eberhard v. Kuenheim, Vorstandsvorsitzender des Daimler-Benz-Konkurrenten BMW, der zum gleichen Zeitpunkt die Produktion stoppen mußte, weil Teile aus Baden-Württemberg fehlten, rechnet gleich die Verluste für die gesamte deutsche Volkswirtschaft hoch: „Die Autoindustrie erreicht einen Jahresumsatz von rund 155 Milliarden Mark, das entspricht etwa zehn Prozent des deutschen Bruttosozialproduktes. Wenn nichts mehr läuft, fehlen pro Tag 700 Millionen Mark Umsatz; zwei Wochen Streik bringen einen Umsatzausfall von fünf Prozent; drücken also das Bruttosozialprodukt um 0,5 Prozent – und der erwartete Leistungsbilanz-Überschuß von zehn Milliarden würde sich sogar halbieren.“ Das Fazit des Automanagers: „Aus dem Aufschwung wird deshalb mit Sicherheit nichts werden.“

Kuenheims Rechnung ist nicht zu bezweifeln, sie ist jedoch – vorerst noch – reine Theorie. Denn nicht in allen Autofabriken in der Bundesrepublik mußten die Bänder so früh angehalten werden wie bei BMW und Daimler-Benz.

Knappe Lager, Ausweis für bestens organisierte Lieferbeziehungen, zwangen zuerst die Hersteller der beiden Nobelmarken zu Produktionseinschränkungen. Die VW-Tochtergesellschaft Audi folgte einen Tag später. Bei Opel in Rüsselsheim war am 21. Mai mit Beginn des Streiks in Hessen Schluß, das Werk in Bochum hatte noch bis zum 28. Mai zu tun. Porsche in Stuttgart stoppte die Bänder am 28. Mai, zu diesem Zeitpunkt wurde ausgesperrt. Volkswagen wurden bis zum 28. Mai gebaut. Bei Ford konnten sogar, gestützt auf Lieferungen aus Schwester-Werken in anderen europäischen Ländern, bis Mitte dieser Woche Autos gebaut werden.

Die Streikfolgen für die deutsche Volkswirtschaft haben deshalb auch jetzt, nach vier Wochen Arbeitskampf, noch lange nicht das Ausmaß erreicht, das der BMW-Chef befürchtet.

Und auch bei den Auto-Arbeitern ist, von einigen Ausnahmen abgesehen, die manchmal beschworene blanke Not noch nicht ausgebrochen. Wirklichen Verzicht müssen zur Zeit vor allem ausgesperrte Metallarbeiter in Baden-Württemberg und Hessen üben, die keine Gewerkschaftsmitglieder sind. Sie bekommen keine Unterstützung, „weil sie in den letzten Jahren ihren IG-Metall-Beitrag gespart haben“, wie ein Funktionär etwas zynisch scherzt. Zwar bekommen auch Arbeitnehmer aus nicht-bestreikten Tarifgebieten von ihrer Gewerkschaft kein Streikgeld, wenn ihr Werk still steht, weil Zulieferteile aus Baden-Württemberg fehlen; zwar wird ihnen nach einer Entscheidung der Bundesanstalt für Arbeit auch kein Kurzarbeitergeld bezahlt – aber ohne Einkommen stehen sie dennoch nur selten da.