Vor fast 20 Jahren – es war 1965 – haben Sie die Situation der südafrikanischen Christen in einen Zusammenhang gestellt mit der von deutschen Christen während der Nazi-Zeit; Sie haben für Südafrika als erster das Wort der „Bekennenden Kirche“ formuliert. Was würden Sie von einer Bekennenden Kirche im südafrikanischen Kontext erwarten? Gibt es sie?

Beyers Naudé: Wenn ich an eine Bekennende Kirche in Südafrika denke, kann ich immer nur sprechen von kleinen Gruppen von Christen, die sich in bekennenden Kreisen zusammenfinden, um ihre Verantwortung als Christen zu durchdenken und auf sich zu nehmen. Ich erwarte von solchen „bekennenden“ Christen, daß sie die Apartheid eindeutig ablehnen, alles, was damit zusammenhängt. Ich erwarte, daß sie keinerlei Zweifel an ihrem Widerstand gegen Apartheid lassen, nicht mehr darüber diskutieren, argumentieren oder das Für und Wider abwägen – wie das viele weiße Liberale hier immer noch tun –, sondern daß klar ist: Apartheid ist ganz und gar unmenschlich und unchristlich.

Wenn man von den praktischen Folgen der Apartheidpolitik in Südafrika absieht – steht Rassentrennung grundsätzlich im Widerspruch zum christlichen Glauben?

Beyers Naudé: Ja. Ohne Zweifel. Christ sein heißt doch, daß man jeden Menschen als Ebenbild Gottes annimmt. Es gibt verschiedene Kulturen und unterschiedliche Sprachen, es gibt die Unterschiede von Klassen und Völkern, aber für die Kirche und für die Christen kann das niemals ein Grund sein, die Einheit aller Christen – die Einheit aller im Leib Jesu Christi – nicht lebendig zu leben. Diese Einheit ist etwas Grundsätzliches; die Verschiedenheit von Sprache, Kultur und Klasse ist nur sekundär.

Von bekennenden Christen in Südafrika erwarte ich also, daß sie sich die Frage stellen: Was können wir tun, um Apartheid zu überwinden? Welche Programme, Projekte und Strategien können wir entwickeln, um eine radikale Veränderung zu erreichen? Ich glaube, mit einer kleinen Gruppe von Christen, die sich betroffen fühlt, wird man beginnen können, solche bekennenden Kreise zu bilden. Aber eine solche Bewegung muß ökumenisch sein. Sie muß über alle Grenzen von Kirche, von Rasse, von Geschlecht und Klasse hinausgehen. Solange jedoch unsere Loyalität gegenüber einer bestimmten Kirche so stark ist, daß wir Angst haben zu handeln – wie das bei vielen burischen Christen der Fall ist –, weil unsere eigene Kirche uns im Stich lassen könnte, solange wird es zu einer bekennenden Kirche nicht kommen können. Es ist hoffnungslos und vergeblich, die Inspiration für das Handeln und das Bekennen und die geistliche Gemeinschaft in der Kirche als Institution zu suchen. Dazu ist die Kirche zu kalt geworden, zu zerrissen, zu gespalten und zu uneinig darüber, was das denn eigentlich heißt innerhalb von Südafrika – Gerechtigkeit, Liebe und Befreiung.

Finden Sie es legitim, wenn Bischof Tutu vom Südafrikanischen Kirchenrat den Vergleich gebraucht, zwischen der südafrikanischen Politik und der der Nationalsozialisten? Kann man Parallelen sehen, zwischen der Judenverfolgung und der Politik der gesetzlich verhängten Rassendiskriminierung gegenüber Schwarzen, wenn man den Grad der Gefahrdung von Leben betrachtet, den das südafrikanische System heraufbeschwört?

Beyers Naudé: Man kann Parallelen sehen. Es geht hier in Südafrika alles viel langsamer als damals in Deutschland. Der Widerstand in Deutschland hat sich entzündet am Rassenproblem, das sich in Hitlers Politik kristallisiert hat. Hier ist es das gleiche. Die Juden sind in Deutschland – und zwar in kurzer Zeit – bewußt getötet worden. Unsere Regierung lehnt natürlich jeden Vergleich zwischen Nazi-Deutschland und Südafrika ab. Aber was findet denn hier tatsächlich statt? Was bedeutet es, wenn die Regierung Schwarze deportiert, sie mit Gewalt aus dem „weißen“ Gebiet abschiebt, sie „umsiedelt“ in diese armen, furchtbaren, öden Gegenden, wo es keine Möglichkeit zu überleben, keine Möglichkeit, Arbeit zu finden und Geld zu verdienen gibt? Wenn die Menschen in den Zwangsumsiedlungsgebieten einen langsamen Tod sterben über drei, vier oder fünf Jahre hinweg – was ist das eigentlich grundsätzlich anderes als Mord?