Von Ulf Grenzius

Der Widerhall einer Schiffssirene fängt sich in den Bergen. Es ist zehn Uhr vormittags in Isafjördur. An den Hängen des Fjords kleben Nebelschwaden, über dem Wasser hängt dichter Dunst. Kaum ein Vogel ist unter der Wolkendecke zu sehen. Das Postboot, die "Fagranes", ist so grau wie ihre Umgebung.

Seit einer Stunde finden sich die Passagiere am Anleger des rostigen Schiffs ein. Es werden 70 bis 80 Leute sein, die gutgelaunt zuschauen, wie ihre Habe an Deck und in den Frachtraum gehievt wird. Die Reisenden drängen sich in den winzigen Fahrgastraum, stehen an Deck der Lade-Crew im Weg oder belegen die Bänke achtern.

Jetzt dröhnt der Diesel lauter, der Rumpf zittert, die Taue werden losgeworfen. Der Bugspriet zeigt nach Nordost, hinaus auf den Haupt-, den Isafjord. Nach kurzer Fahrt wird das Boot Kurs auf die Halbinsel Hornstrandir nehmen; wird in jeder größeren Bucht vor Anker gehen, um Passagiere von Bord zu lassen, bis im Furufjord die letzten an Land gehen werden.

Bei den meisten Fahrgästen handelt es sich um Bewohner von Wochenend- und Sommerhäusern. Andere sind Wanderer und Naturfreunde. Die Leute nach Furufjord jedoch unternehmen eine Pilgerfahrt, eine Reise in die Vergangenheit.

Für sie ist der unbesiedelte, unwirtliche Hornstrandir nicht namenlos, nicht gottverlassen, sondern das Land ihrer Kindheit, ihre aufgegebene Heimat. In zwölf Stunden werden sie das Tal erreichen, aus dem sie vor 30 Jahren fortgingen; die letzten, die auf dem Hornstrandir und im Drangagletschergebiet dem Wandel der Zeit sich beugten.

Fünf Jahre nach ihrem Weggang von Furufjord sahen sie sich ein erstes Mal dort wieder, voll Heimweh nach ihrem Tal und Sehnsucht nacheinander. In dem kleinen Kapellchen unweit des Ufers hielten sie Andacht und erinnerten sich. Erst heute, 25 Jahre später, treffen sie sich noch einmal. Wieder in diesem Tal, wieder in dieser Kapelle werden sie Andacht halten. Mancher ist nicht mehr unter ihnen, viele Junge sind zum erstenmal dabei.