Von Brigitte Macher

Es war einmal ein guter König. Der lebte vor einigen hundert Jahren in einem schönen Land am Meer in einer wohlgebauten Stadt. Der König war nicht nur gut, er war auch weise. Er kannte viele Sprachen, er liebte die Wissenschaft und die Künste und übte sich in ihnen. Aber er war auch ein praktischer Mann. Er ließ die Leute Trauben pflanzen und Seidenraupen züchten, auf daß sie es zu Wohlstand brächten.

An seinem Hof wurden rauschende Feste gefeiert, doch dachte der König nicht nur an sein Vergnügen, sondern auch an sein Volk, wenn er Spiele, Ritterturniere und Lustbarkeiten für die Untertanen veranstaltete. Als der gute König alt und lebenssatt starb, waren alle Leute traurig.

Den König hat es wirklich gegeben. Man kann ihn auf dem linken Seitenflügel des farbenstrahlenden Triptychons vom brennenden Dornbusch in der Kathedrale von Aix-en-Provence gegenüber seiner schönen jungen Gemahlin knien sehen: le bon roi René, der im 15. Jahrhundert die Provence regierte. Mit Wohlgefallen wird der gute König René vom Himmel auf seine Provencalen blicken, wenn sie jedes Jahr im Sommer das Land in ein riesiges Freilicht- und -lufttheater verwandeln und die Leute aus weniger klimatisch und landschaftlich bevorzugten Gegenden einladen, mit ihnen Musik, Theater und Tanz zu genießen vor Bauwerken, die aus römischen Zeiten wie aus der Moderne stammen. Die Architektur ist Kulisse, der Sternenhimmel das Zelt.

Während in der imposanten antiken Arena von Orange in sechs Aufführungen Oper, Chormusik und Ballett das Programm bestimmen, in der phantastischen modernen Arena von Chateauvallon hoch über Toulon Modern und Postmodern Dance zelebriert werden, in Avignon der Schwerpunkt bei exquisiten Theatervorführungen internationaler Truppen liegt, in Salon Jazz triumphiert und in Marseille Folklore sich darbietet, bereitet Aix-en-Provence von Ende Juni bis Anfang August seinen Gästen ein ununterbrochenes Fest. Die alte Stadt verwandelt sich zur Bühne, schmückt sich mit tänzerischen Arabesken. Plätze und Brunnen, Fassaden und Tore sind Requisiten, zwischen denen Tänzer sich selbstverständlich und wie zufällig bewegen, in Gruppen oder als Solisten ihre phantasievollen Choreographien zeigen.

Vor den edlen, verfallenden Fassaden der malerischen Place d’Albertas zählten nachts ein Mädchen und ein Junge ihre Schritte um den Renaissancebrunnen, spielten Wassermann und Nixe, tauchten ins Naß und hüpften zum Schluß ihrer Vorstellung mit dem Hut durch die Reihen der Zuschauer, aus dem sich jeder ein Bonbon als Belohnung fürs Zuschauen nehmen durfte. Die Tänzer verschluckte die warme Sommernacht. Auf dem Platz vor der Kathedrale tanzte eine Gruppe sich toll und halbtot, bis die Artisten erschöpft und das Publikum irritiert und ein bißchen erschrocken vor solchem Ausbruch an Leidenschaft und Temperament auseinandergingen.

Tanz als Interaktion zwischen Architektur, Tänzer und Passant, Tanz als Dekor, als Bild, als Theater: todernst und feierlich, witzig, ironisch, befremdlich bisweilen, versponnen, verwoben ins Ambiente der Stadt: So ist das Projekt „Straßentanz“, jedes Jahr von anderen lokalen Tanzgruppen ausgeführt, als begleitendes Spectaculum zu genießen, Einstimmung vor allem auf das alljährliche Tanzfestival vom 30. Juni bis 11. Juli.