Von Dieter E. Zimmer

Auf der Bestsellerliste seit anderthalb Jahren, in Deutschland 270 000 Exemplare verkauft, in Italien gar an die 600 000, eine Filmversion unter der Regie von Jean-Jacques Annaud („Am Anfang war das Feuer – wird dieser dann „Am Ende war das Feuer“ heißen?) für 1985 in Vorbereitung: Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ hat es wider alles Erwarten geschafft, zu einem größeren Wirtschaftsgut zu werden, ohne sich doch die Sympathien der Intellektuellen zu verscherzen. „Ein mittelschweres Mirakel“ sei der Fall, konstatierte Eckhard Henscheid; „das Buch ist ebenso gelahrt wie spannend, stilistisch meist ebenso ausgefuchst wie iaeenschwer, dabei von einem humanen Grundton getragen ... wer vermöchte (seinen Erfolg) zu begreifen?“

Wer ihn begreifen möchte, wird die Postille zu Rate ziehen, die der Autor dem Roman hinterhergeschickt hat –

Umberto Eco: „Nachschrift zum ‚Namen der Rose‘“, aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber; Hanser Verlag, München, 1984; 96 S., 15,– DM.

Aber Eco ist viel zu klug, sein Werk oder dessen Erfolg zu deuten. „Ein Erzähler darf das eigene Werk nicht interpretieren“, schreibt er, „denn ein Roman ist eine Maschine zur Erzeugung von Interpretationen.“ Er versteigt sich gar zu der Bemerkung, dem Werk sei mit dem Ableben des Autors am besten gedient – „damit er die Eigenbewegung des Textes nicht stört“. Also wimmelt er zudringliche Fragen ab. Warum habe er das Buch geschrieben? „Weil ich Lust dazu hatte.“ Wieso Lust? Weil der Mensch nun einmal ein animal fabulator sei, also ein Lebewesen, das Lust zum Erzählen habe. Was war die Keimzelle? Der „Drang, einen Mönch zu vergiften“. Warum ausgerechnet das Mittelalter? „Die Gegenwart kenne ich nur aus dem Fernsehen, über das Mittelalter habe ich Kenntnis aus erster Hand.“ Warum erinnerte der Drahtzieher, der hinter den Verbrechen in jener Abtei steckt, so sehr an Borges und sei dabei so böse? „Ich weiß es nicht. Ich wollte einen Blinden als Hüter der Bibliothek, ... und Bibliothek plus Blinder ergibt eben zwangsläufig Borges.“ Und mit welcher Figur identifizierte er sich? „Mit den Adverbien, das ist doch klar.“

Ist das Unwirschheit oder Arroganz? Ich denke, hier schlägt das Schamgefühl durch, das einem Autor dringend von Selbstinterpretationen abrät, die ja nicht anders könnten, als sein Werk gleichzeitig zu vergrößern und zu verkleinern. Zu vergrößern, indem der Autor als sein eigener ehrfurchtsvoller Leser auftritt. Zu verkleinern, weil die handlichen „Bedeutungen“, die einem Werk extrahiert werden, notwendig immer flacher und gröber ausfallen als sein eben nicht ausformulierter, sondern konstituierter Sinn. Literatur ist eine Maschine zur Konstitution eines nie ganz greifbaren Sinns.

Zum Erfolg seines Romans bietet Eco immerhin zwei Hypothesen an. Die eine: daß er in seiner Geschichte von einem etwas begriffsstutzigen Erzähler berichtet, mit dem sich der vielleicht ebenfalls verwirrte Leser leicht identifizieren könne. Die andere: „Das Mittelalter ist unsere Kindheit, zu der wir immer wieder zurückkehren müssen, um unsere Anamnese zu machen.“ Er habe sich bemüht, einen wirklichen historischen Roman zu schreiben. Nicht Geschichte als Bühnenbild für freie Phantasien; auch nicht Geschichte als Vorwand, im Prinzip immermögliche Gestalten in berühmte Abenteuer zu verstricken. Sondern: „... alles, was die fiktiven Personen ... sagen, (sollte) in jener Epoche sagbar sein.“ Tatsächlich ist der „Name der Rose“ eine bezwingende Mischung: so witzig, daß er dem Leser die Rückkehr ins Mittelalter beispiellos leicht macht; aber auch so vertrauenerweckend gelehrt, daß der Leser wirklich den Geist des Mittelalters und nicht dessen Gespenst von Angesicht zu sehen glaubt.