Von Gerhard Spörl

Münster, im Juni

Helmut Haussmann reckt noch übereifrig das Kinn empor, sobald eine Kamera auftaucht, um jene Sekundärtugenden des Gewerbes ins Bild zu rücken, die ihm so offenkundig anhaften: jung, sportlich, zuversichtlich. Diese Art charaktervoller Selbstdarstellung ist ihm bisher auf eher sympathische Weise mißglückt. Denn der neue FDP-Generalsekretär ist nicht von vorwärtsdrängendem Ehrgeiz beseelt; gerade deshalb hatten die jungen Landesvorsitzenden ihn als ihren Mann bei Genscher auserkoren. Da war eine Chance. Helmut Haussmann hat sie dankbar ergriffen. So schnell steigt man selten zum Hoffnungsträger einer – zugegeben irrlichternden – Partei auf.

Ohne große Mühe hat Haussmann in Münster den richtigen Ton angeschlagen. Heuer und beschwingt versprach er die Abkehr vom elegischen Liberalismus, der immerfort um seine Existenz bangt und sich freiwillig kleiner macht, als er eigentlich sein will. Andere kündeten eher verbissen von der Notwendigkeit, künftig entschieden und selbstbewußt aufzutreten. Haussmann freute sich schlicht Lieh bin glücklich!“), machte aus seinem Herzen keine Mördergrube („Ich bin voll Optimismus!“) und übersah beiläufig seinen formellen Dienstherrn Hans-Dietrich Genscher. Schon kursierte das neidvolle Gerücht in der Münsterland-Halle, so trete ja wohl nur einer auf, der selber Vorsitzender werden wolle.

Es waren die Parteitags-Delegierten, die Haussmanns Wahl als „Zeichen und Maßstab“ einer geläuterten FDP aufwerteten. Sicher ein Zeichen für die Schwäche Genschers: Der 41 Jahre alte Schwabe ist nicht dessen Wunschkandidat gewesen. Genscher hätte den überaus loyalen Karl-Friedrich Brodeßer bevorzugt, der ihm von Alter, Habitus und Herkunft sehr viel vertrauter ist. Dennoch überschätzt Haussmann, wer ihn als Symbol für eine andere liberale Politik versteht. Zwar hatte Haussmann die FDP-Oligarchen gelegentlich – bei der Wende, in der Rechts- und Wirtschaftspolitik – gerügt; aber er ist in der gewendeten FDP durchaus heimisch. Es bleibt freilich der Tatbestand, daß Genscher, der Vorsitzende auf Zeit, mit einem Kandidaten seiner präsumtiven Erben leben muß.

Haussmann verkörpert eine eigene Mischung aus alter und neuer FDP. Einerseits ist er der späte Nachkomme einer Gattung, die fast nur noch im Schwäbischen vorkommt: Aufgewachsen in einer Kleinstadt bei Reutlingen, Sohn eines mittleren Unternehmers in Holz und Möbel, dem es eine Ehre war, nebenbei und selbstverständlich ohne Salär zu politisieren – das ist eine Welt, die umstandslos liberal gesonnen war und keinen Anlaß zum Aufstand gegen die Väter und das Establishment provozierte. Aus Erfahrung neigt Haussmann jener konservativen Grundstimmung zu, von der die FDP sich derzeit erfassen läßt. Der Staat darf für gleiche Lebens- und Bildungschancen sorgen, aber bitte nicht für mehr: nicht zuviel Versorgung und Subventionierung, weniger anonyme Bürokratie und gefräßige Großorganisationen. Dazu gehört freilich auch der Verzicht auf übergroße Sensibilität für eigensüchtige Minderheiten. Die FDP sucht Anschluß an den selbstbewußten Individualismus ihrer Tradition; sie macht es sich zunutze, daß Anti-Etatismus zur Zeit beim Publikum wohl gelitten ist.

Haussmann, promovierter Wirtschaftswissenschaftler, hat sich bisher Distanz zu seinem Dasein als Politiker bewahrt. In den siebziger Jahren gehörte er in Baden-Württemberg zur altliberalen Minderheit, deren Einfluß auf die FDP schwand. Es entbehrt nicht der Ironie, daß ausgerechnet Martin Bangemann jetzt nach schmählichem Scheitern wieder eine Zukunft für sich sieht. Bangemann, damals baden-württembergischer Landesvorsitzender, stellte die andere FDP dar, die Berufspolitiker züchtete und ihre Wurzeln nicht mehr im liberalen Milieu suchte.