Von Jes Rau

Mit Spannung verfolgen amerikanische Gewerkschafter, ob es den deutschen Druckern und Metallarbeitern gelingt, die 35-Stunden-Woche durchzusetzen. Der Dachverband der Gewerkschaften, AFL-CIO, räumt nämlich der Herabsetzung der Arbeitszeit ebenfalls eine hohe Priorität ein, um die Arbeitslosigkeit von derzeit 7,7 Prozent unter die Vier-Prozent-Grenze zu drücken, wo die Zone der de-facto-Vollbeschäftigung beginnt. Beim letzten Kongreß des Gewerkschaftsverbandes in Hollywood/Florida verabschiedeten die Funktionäre eine Resolution, die US-Bundesregierung und Kongreß auffordert, die Standard-Arbeitszeit schrittweise von 40 auf 37,5 Stunden zu reduzieren, soweit diese durch die Bundesgesetzgebung bestimmt ist. Freilich, solange Ronald Reagan Präsident ist, und solange im US-Senat die Republikaner die Mehrheit haben, wird daraus nichts werden, räumt AFL-CIO-Sprecher Murray Seeger ein.

Solchen gesetzgeberischen Beistandes haben die Näherinnen und Stricker nicht bedurft, deren Gewerkschaft das Ziel der 35-Stunden-Woche schon vor mehr als zwanzig Jahren verwirklichte. Ohne diese Arbeitszeitregelung hätten die Textilimporte vor allem aus Asien und Südamerika noch mehr Jobs gekostet, meint ein Funktionär der Gewerkschaft. Auch die Drucker der Newspaper Guild, die Schriftsetzer der International Typographers Union sowie Sekretärinnen und Büroarbeiter der Clerical Workers Union haben über Tarifverträge ihre wöchentliche Arbeitszeit herabsetzen können. Ob aber auf diese Weise wirklich Arbeitsplätze erhalten wurden, ist umstritten. Gewerkschaftskritiker werfen insbesondere der Newspaper Guild vor, durch ihren Streik, mit dem sie die Arbeitszeitverkürzung erkämpften, zahlreiche Zeitungen – und damit viele Jobs kaputtgemacht zu haben.

Der einzige industrielle Sektor, in dem Erfahrungen mit einer Wochenarbeitszeit unter 40 Stunden gesammelt wurden, ist die Reifenindustrie. In Akron im Staate Ohio, Amerikas Reifenhauptstadt, wurde in den Tagen der Depression sechs Stunden am Tag gearbeitet. Heute wird bei den Gummikonzernen Firestone und Goodyear aber wie überall vierzig Stunden pro Woche gejobt.

Nur eine mächtige Gewerkschaft wie die der Automobilarbeiter (UAW) wäre heute in der Lage, Arbeitszeitverkürzungen auch in der Industrie durchzusetzen. Auf der Wunschliste für die im Juli beginnenden Tarifverhandlungen mit den Detroiter Autokonzernen ist die Reduzierung der Arbeitszeit aber nur als ein Punkt unter vielen aufgeführt. Als wünschenswert wird daneben eine Erhöhung der Stundenlöhne und der Zuschüsse für die Pensionen angesehen. Außerdem will die UAW den Autokonzernen die vertragliche Zusicherung abringen, daß sie den Import von Autos und Autoteilen aus dem Ausland und den Zukauf von gewerkschaftlich nicht organisierten Zulieferfirmen beschränkt. Bislang hat sich die Gewerkschaft noch nicht zu der Entscheidung durchringen können, welche Priorität sie den verschiedenen Zielen beimißt.

Auch hat sich die UAW-Spitze noch nicht darauf festgelegt, in welcher Form und in welchem Ausmaß sie Arbeitszeitverkürzungen anstrebt. Offensichtlich sind die gewerkschaftsinternen Flügelkämpfe diesmal besonders heftig. Noch nie war die Kluft so breit zwischen den Heißspornen und den Bedächtigen, die einen Streik um jeden Preis vermeiden wollen. Noch nie fiel es auch so schwer, die Solidarität zu wahren zwischen denen, die einen Job haben und den arbeitslosen Autoarbeitern.

Bei aller Ungewißheit über die Form und Größe des Verhandlungspaketes ist aber eines ziemlich sicher: Die UAW wird sich nicht auf eine Verminderung der Wochenarbeitszeit versteifen, auch wenn UAW-Chef Owens Bieber der IG-Metall telegraphisch feierlich die moralische Unterstützung zugesagt hat.