Jeden Morgen picobello – seit fernen Nyltest-Zeiten hält sich hartnäckig dieses herrliche Gefühl.

Es hat so fortschrittlich angefangen. Garantiert tropfnaß aufgehängt baumelte die Riege weißer Oberhemden über deutschen Badewannen, und Friedrich Luft lobte den immerglatten Nylonstoff im Radio: Abends war man noch mit dem Hemd im Theater gewesen, und morgens konntest Du es proper von der Leine nehmen – war das nicht wunderbar? Junggesellen, wie damals männliche Singles hießen, wurden ein Stück unabhängiger, und die Frauen brachte das direkt weiter auf dem Weg zur Befreiung. Wieder eine Menschheitsgeißel weniger: Die Bügelei konnte man vergessen. Dem Pflegeleichten gehörte die Zukunft.

Nun ist ja alles anders gekommen. Vorbei ist die Liebe zu Fix und Fertig und wash and wear – wie weggeblasen. Chemie mögen wir nicht auf der Haut, da schwitzt man, das ist nicht körperfreundlich und überhaupt: die Farben! Naturfaser heißt das Zauberwort, und innerlich gestärkt wie äußerlich verschönt gehen wir nun in Wolle und Seide, in Leinen und in Baumwolle.

Der Wechsel ging sehr gründlich vonstatten. Gute Mütter kaufen jetzt grundsätzlich Baumwolle. Schon gibt es Leute, die schrecken vor jedem Prozent Kunstfaser zurück, als wohnten sie im tropischen Regenwalde.

So weit, so gut, das hat seinen Sinn. Die Sache wäre wesentlich weniger dramatisch verlaufen, wenn sich hier nicht zwei Entwicklungslinien geschnitten hätten. Genau seit den fernen Nyltest-Zeiten hält sich nämlich hartnäckig dieses herrliche Gefühl, daß man ganz locker umgehen kann mit der Wäsche. Jeden Morgen picobello, das brauchen wir schon fürs Selbstbewußtsein. Geschlossen wandert das Sportzeug in die Wäschekiste, der Anorak mit dem kleinen Fleck der Einfachheit halber hinterher, an Frische soll’s uns nicht fehlen – so eine Waschmaschine ist eine feine Sache.

Die Mütter, in den letzten Jahren aufgeklärt über den Zusammenhang zwischen Matsch und Lust sowie über die fatalen Folgen einer analen, schmutzabweisenden Erziehung, wollten nicht kleinlich sein und dem Lebensglück ihrer Kinder im Wege stehen. Nun haben sie als Spätfolge einen still wachsenden Wäscheberg – und weit und breit kein Zipfelchen Synthetik.

Also wird gebügelt: T-Shirts und Sweat-Shirts jede Menge, Oberhemden en gros und Sommerhosen. Von Leinenröcken mögen wir kaum reden, dürfen sie doch nach einem ungeschriebenen Gesetz aufgeschlossener Zeitgenossen den Tag über kraus werden; aber morgens frisch gefönt und frisch geduscht schon in Knuddelkleidern in der Tür zu stehen, das macht die ganze Spannkraft kaputt. Herrenhosen aus feiner Wolle gelben wir gelassen in die Reinigung, denn der Anblick zweier messerscharf nebeneinanderliegender Bügelfalten ist schwer zu ertragen. Weshalb auch nach dieser privaten und überhaupt nicht repräsentativen Umfrage gut die Hälfte aller Herrenhosen bloß gereinigt werden, weil die Knie ausgebeult sind.