Mit dem ersten Bild erfahren wir bereits die Geschichte: In einer penibel aufgeräumten Küche der amerikanischen Upper-middleclass sitzt ein kleines Mädchen mit dem Vater am Frühstückstisch: weißes Tischtuch, Milch, Kaffeebecher, ein Paket Corn-flakes. Schweigsam und aufmerksam liest der Vater die Zeitung, die Kleine sitzt artig und etwas verloren auf dem Stühlchen. Das einzig Vergnügte an diesem stummen Küchengemälde ist ein fideles Äffchen auf der Cornflakes-Schachtel. Der gekachelte Küchenboden: geschleckt sauber, die Schränke tadellos aufgeräumt. Die Küchenpapierrolle paßt im Muster zum Tablett, das Tablett paßt zur Kaffeedose, die Kaffeedose zum Geschirr, das Geschirr ... Den Betrachter friert es in dieser fabelhaften Ordnung.

Anthony Browne hat das sicher, kühl, in perfekter Manier des amerikanischen Photorealismus gemalt. Die Superschärfe des gemalten Realitätsausschnitts verschafft dem Betrachter Distanz, macht eine etwas beklemmende, lähmende Alltagsstimmung sichtbar. In diesem Bild riecht es nach Ajax, Dor und salmiakgereinigter Werbefilm-Frische, Kanovitz, der amerikanische Photorealist sagte einmal: „Alles ist wie es ist, und ist doch anders, als es erscheint

Das Kind Hanna möchte auch, daß nicht alles so ist, wie es ist. Hanna flüchtet aus ihrem ordentlichen, gepflegten Alltag in Fernsehabenteuer, in Träume. Der Vater – ein besorgter, liebevoller, aber ständig mit Arbeit überhäufter Vater –, der seine Versprechen, gemeinsam etwas mit Hanna zu unternehmen, von Wochenende zu Wochenende verschiebt, scheint die Einsamkeit des Kindes nicht deutlich genug zu begreifen. Hannas einzig zuverlässiger Spielgefährte ist der Fernseh-Apparat. Eine Mutter kommt in dieser Geschichte nicht vor, wahrscheinlich ist sie abgehauen. Hanna hockt also winzig im großen Zimmer vor dem Fernsehapparat, starrt auf die Mattscheibe und knabbert Kekse und grüne Äpfel.

Weil ihr leidenschaftliches Interesse den Gorillas gilt, schenkt Vater ihr am Vorabend des Geburtstages ein Spielpüppchen: kein wuschelweiches Hasenviech, sondern einen täuschend echt gemachten Gorilla. Wie das in Kinderträumen ist: der Gorilla wird quicklebendig, zieht Vaters Mantel und Hut an, und Hanna macht mit dem Gorilla einen aufregenden Ausflug durch New York: Zoo, Kino, Mac Donald-Restaurant. Hanna ißt Unmengen Kirscheis, pfundweise Himbeeren, Hamburger mit Ketchup und Sahnetörtchen. Der Gorilla hat Vaters rotgepunktete Fliege um den Hals und frißt einen Berg Bananen. Hanna und Gorilla sind happv. Nach dem Heimweg tanzen sie noch ein bißcnen bei Vollmond auf dem Vorgartenweg herum. „Wir sehen uns dann morgen wieder“, sagt der Gorilla, und da wacht Hanna leider auf.

Als Hanna dem Vater am Geburtstagsmorgen ihren tollen Traum erzählt, begreift der nette Vater, auch ohne Traum-Psychologe zu sein: wenn Töchter anfangen, mit Gorillas Ausflüge durch New York zu machen, müssen Väter sich mehr um sie kümmern. Vater schenkt Hanna zum Geburtstag einen ganzen Tag.

Browne erzählt in großartigen Bildern; die Illustrationen zeigen Realität hyperrealistisch: scharfe Figuration, kühle Malgestik. Sie machen die Illusion von Realität und die Realität der Illusion sichtbar.

Noch etwas läßt sich an diesem Bilderbuch ablesen. Es zeigt eine andere Generation von Kindern: sie haben die sanfte, freundliche Resignation einsichtiger-kluger Kids, die ihren Eltern gegenüber Nachsicht üben, deren Probleme begreifen und sich damit arrangieren. Kindheit wird in diesem Bilderbuch (ganz unsentimental) auch als ein Stück Verlassenheit gezeigt. Browne trägt das nicht polemisch vor, er dokumentiert. Seine Bilder zeichnen mit subtilen Mitteln Kinder-Alltag, und wie Erwachsene diesem grauen Alltag ein bißchen Glanz geben können.