Ein kantiger, lobesamer Monolog

Von Esther Knorr-Anders

Die Bank stand an der Mauer des Mausoleums. Sie wurde von der Sonne beschienen. Ich setzte mich. Genüßlich ließ ich den Blick über die Burggasse schweifen. Die Häuser und der Dom schimmerten wie in Purpur getaucht. Ein herrlicher Morgen bündelte sich über Graz zusammen, das anno 955 als „Gradec“ (kleine Burg) in die Geschichte trat. Drei Landplagen mußten gemeistert werden: die Türken, die Pest und die Heuschrecken. Doch in der Gesamtzahl mochten die ungestörten Sonnenaufgänge überwogen haben. Ihnen zugezählt werden durfte dieser Morgen ...

Ich schrak auf. Ein älterer Mann näherte sich gemächlich der Bank. Die Gemächlichkeit warnte mich. Wer so daherkommt, muß sich als Ruhestörer entpuppen. „Ist noch ein Platzerl frei?“ fragte er prompt. Natürlich war „ein Platzerl frei“. Ich saß ja allein auf der Bank. Er rückte neben mich. „Ich störe hoffentlich nicht“, begann er das Gespräch, welches höchstens fünfzehn Minuten dauern konnte. Dann würde das Mausoleum die Pforten öffnen.

„Sind Sie zu Besuch in Graz?“ fragte mein Banknachbar und war überzeugt, daß ich im „Erzherzog Johann“, in der Sackgasse, unweit der Mur wohnen müsse. „Schauen S’, das Haus war bereits 1595 ein gepriesenes Quartier. Der Pferdestall ist heute der Rote Salon. Über drei Stockwerke erstreckt sich der Wintergarten. Auf Schritt und Tritt wachsen einem Schlinggewächse um die Füße. Wenn Sie spät abends angekommen sind, dann hat sie der Herr Rezeptionist Zweideck empfangen, der Alte mit dem Silberbart. Er könnte ein Habsburger Abkömmling sein. Ein entsprechendes Fluidum hat er ...“ Er fingerte eine Zigarette aus dem Etui. Es war aus Gold. Im leicht singenden Tonfall fuhr er fort: „Die Sackstraße führt zum Schloßberg. Man passiert ein Palais nach dem anderen. Im Palais Attems von 1716 stürzen noch heute die Nackten und die Toten aus den Deckengemälden. Im Palais Khuenburg wurde 1863 der Thronfolger Franz Ferdinand geboren – einzig zu dem Zweck, in Sarajevo ermordet zu werden. ... Wollen Sie auf den Schloßberg? Sie können den ,Kriegssteig‘ benutzen. Persönlich rate ich Ihnen davon ab. Man gerät ins Schnaufen. Laufen Sie ein Stückerl weiter bis zur Schloßbergbahn. Vier Minuten dauert die Auffahrt. Droben befinden Sie sich 475 Meter über dem Adriatischen Meer. Aber ich frage Sie, was wollen Sie dort? Sie blicken auf die Dächer von Graz. Dächer gibt es überall. Auch solche mit Grünspan. Gewiß, Sie sind beim Grazer Wahrzeichen, beim Uhrturm. Jede zweite Postkarte präsentiert ihn. Doch wenn Sie droben sind, beachten Sie den Steinernen Hund. Nach ihm fragt keiner. Sie schauen über die Mauer, und in rund 20 Meter Tiefe sitzt er. Er soll den Raub der Kaisertochter Kunigunde durch den Ungarkönig Matthias Corvinus vereitelt haben...“

Herzbewegende Geschichte

Ein Pudel strich über den Platz, schnupperte. Gedämpft fragte mich der Nachbar: „Kennen Sie schon den Hauptplatz? Zwischen den Marktständen steckt ein Brunnen. Er trägt die Skulptur unseres Erzherzogs Johann. Das Denkmal gibt seine konziliante Gestik und seinen unnachgiebigen Gesichtsausdruck wieder. Er heiratete seine Anna Plochl, Postmeisterstochter aus Aussee. Eine herzbewegende Geschichte ... Unbedingt müssen Sie die Herrengasse erkunden. Schnurgerade führt sie vom Hauptplatz zur Mariensäule. Die Säule wurde 1796 vom Edlen von Jakomini aus Dankbarkeit für den Sieg über die Türken gestiftet. Dank war angebracht. Die Steiermärker hätten nicht orientalisch leben können. Sie wären ausgestorben. Die Herrengasse besticht durch Pracht. Das Renaissance-Landhaus baute Domenico dell’Allio. Ein Obeliskensteg verbindet die Arkaden. Es ist vollendete Architektur ...“ Wie zur Bestätigung nickte er. Sah mich plötzlich prüfend an: „Haben Sie etwas gegen Rüstungen, Harnische, Zündkrautflaschen? Falls nicht, besuchen Sie das Landeszeughaus. Wir alle lieben den Frieden; er ist heilig. Dennoch entzückt dies größte, komplett erhaltene Arsenal der Welt. Es funkelt aus allen Ecken ...“ Jetzt nickte ich. Hoffentlich begeistert. Es schien gelungen, denn er jubelte: „Aber im Operncafé werden Sie von Künstlern umgeben sein, und es stellt sich heraus: Die Unwiderstehlichkeit von Graz beruht auf elegantem Intellekt...“ Er bot mir eine „Memphis“ an. „Irgendwann werden Sie vor der Landesfürstlichen Burg stehen. Kaiser Friedrich III. hat sie 1438 den Grazern beschert. Leider zog 1619 der Hof nach Wien. Erzherzog Ferdinand war Kaiser geworden. Gehen Sie ohne Zögern durch den ersten Hof bis zum Turm. Seine Doppelwendeltreppe stammt aus dem Jahre 1499. Sie ist erschreckend. Beide Treppen winden sich ineinander. Im zweiten Hof befindet sich ein Garten. Totenstelen stehen herum. Berühmte Steiermärker wurden auf diese Weise verewigt. Blätter rieseln auf die Büsten nieder ... Von der Burg ist es ein Katzensprung bis zum Dom. In ihn drängen alle Fremden, manche sogar zur Andacht. Danach führt der Weg zum Mausoleum, gerade hierher, wo wir sitzen. Da sich Grazer Gäste scheuen, in die Gruft zu steigen, bringen sie sich um den stimmungsvollen Abschluß eines Stadtgangs.“