Von W. Martin Lüdke

Vertrackt ist er schon, perfekt (noch) nicht (ganz), dieser realistische (Kriminal-)Roman, der sich, im Untertitel, so bescheiden wie hochstaplerisch „ein Märchen“ nennt.

Wieder eine dieser phantastisch/haarsträubenden Geschichten (dachte ich, zunächst), die über Stock und Stein, über Bänke, Tische und (mit allem, was darin machbar ist) durch die Betten geht, über die Weltmeere dazu; prall mit Handlung vollgestopft und spannend von der dritten bis zur vorletzten Seite. Ein Märchen? Ich weiß nicht so recht. Über diese Gattungsbezeichnung läßt sich streiten.

Erst einmal ein Feuerwerk. Ideen, Einfälle. Zündende Formulierungen auf jeder Seite und jener knusprige Witz, den Widmer, der Grenz-Schweizer aus Basel bei Lörrach, seinerzeit, vor gut siebzehn Jahren mit nach Frankfurt an den Main gebracht und in dieser Stadt, allen Unkenrufen zum Trotz, über die Zeiten bewahrt hat. Intrigen auch, Verwicklungen, irr-sinnige Verwechslungsgeschichten. Es kann gar nicht dick genug kommen.

Vertrackt also, doch ganz geradlinig erzählt – als eine abenteuerliche Kriminalstory, die (wie stets bei Widmer) von Frankfurt am Main ausgeht und (nur in diesem Falle) über Marseille, Rio und Brasilia nach Frankfurt am Main zurückführt. Eine Geschichte, die von drei alten Damen handelt und von drei jungen Börsenspekulanten, von Termingeschäften und indianischen Schöpfungsmythen (die freilich hierzulande und zudem nebenamtlich produziert worden sind), eine Geschichte also, in der es vor allem und von Anfang an um Geld geht, um viel Geld sogar, und um die (wenn ich so sagen darf) liebe Liebe. Geradlinig und geradezu diszipliniert erzählt, durchdacht und durcn-konstruiert.

Ein Märchen? Wohl schon. Denn am Ende wendet sich alles – zum Guten. Der Held, zwischenzeitlich arg gebeutelt, hebt keineswegs in utopische Gefilde ab, sondern setzt, unsanft zwar, mit einem „Kompromiß zwischen Landung und Absturz“, auf der Piste von Rhein-Main auf und fliegt erst kurz darauf seiner Geliebten in die Arme, die, um das Glück voll zu machen, eine Plastiktüte in Händen hält, gefüllt mit Dollar-Millionen, dem pfiffig abgebuchten Jahresetat des Bundeskriminalamts.

Um kein Mißverständnis zu provozieren: alles ist mit rechten Dingen (wenn auch linken Mitteln) zugegangen. Widmer beschreibt die bare Wirklichkeit. Wenn schon Märchen, dann muß man von einem sozusagen wirklichen Märchen sprechen. Eines dieser Märchen, die das Leben selber schreibt und die deshalb von den Illustrierten nur noch abgedruckt werden. Unser Held ist eine Art Hans im Glück, der gar nicht so recht weiß, wie er zu seinem Glück kommt. Er bleibt, von Anfang bis Ende, mehr Objekt denn Subjekt seiner eigenen Geschichte.