Von Ernst Breit

Vom Baum der Dahrendorfschen Erkenntnis aus betrachtet, sitzen die Gewerkschaften auf dem absteigenden Ast. „Kaum zwei Jahrzehnte nach dem Scheitelpunkt ihrer Macht sind sie nicht mehr die vorwärtstreibenden Organisationen selbstbewußter Zukunftsgruppen. Vielmehr ist ihre Thematik defensiv, und ihre Anhängerschaft ängstlich. Die Gewerkschaften sind zu Verteidigungsorganisationen absteigender sozialer Gruppen geworden.“ Diese Kernsätze Dahrendorfs lassen eines auf den ersten Blick erkennen: ein Mißverhältnis zwischen dem Defizit an Argumenten einerseits und einem Übermaß an kühnen Behauptungen andererseits. Das macht eine Antwort nicht leicht.

Nur an einer Stelle liefert Dahrendorf die Begründung für eine forsche Feststellung mit: Der Rückgang der Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten wird mit der Bereitschaft der amerikanischen Gewerkschaften erklärt, einer Senkung der Reallöhne zuzustimmen. Die gleichbleibend hohe oder sogar noch gestiegene Arbeitslosigkeit in den Ländern Westeuropas wird im Gegenzug auf ein angeblich stabiles Lohnniveau zurückgeführt.

Nun wäre beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden unschwer zu erfahren gewesen, daß die bundesdeutschen Reallöhne in den achtziger Jahren wiederholt gesunken sind. Ein Blick in den Jahreswirtschaftsbericht der Kommission der Europäischen Gemeinschaft hätte für die weiterreichende Feststellung genügt, daß sich das reale Brutto-Pro-Kopf-Einkommen aus unselbständiger Arbeit von 1980 bis 1983 in der Bundesrepublik insgesamt um 0,4 Prozent verringert und in den Vereinigten Staaten im selben Zeitraum um 0,5 Prozent vermehrt hat. Dies ist exakt der Zeitraum, in dem die Arbeitslosigkeit in unserem Land dramatisch anstieg.

Hier beginnen bereits meine Zweifel. Sollte Ralf Dahrendorf, der als Sozialwissenschaftler ja wirklich einen Ruf zu verlieren hat, solche schnell greifbaren Tatbestände tatsächlich übersehen haben? Und was soll man davon halten, daß er positive oder negative Beschäftigungstendenzen ausschließlich als Folge von Reallohn-Entwicklungen darstellt? So simple Zusammenhänge konstruieren selbst die Arbeitgeberverbände nur in laufenden Tarifauseinandersetzungen. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten ist doch sehr viel plausibler und realitätsgerechter so erklärbar: Die Produktivitäts-/Wachstumsschere blieb dort – anders als in der Bundesrepublik – zugunsten des Wachstums geöffnet. Bei einem jahresdurchschnittlichen Wirtschaftswachstum von zwei Prozent stieg die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 1973 und 1983 um 15,7 Millionen, weil der durchschnittliche Produktivitätszuwachs nur bei 0,3 Prozent jährlich lag. (Die parallelen deutschen Zahlen lauten: Jahresdurchschnittliches Wachstum 1,6 Prozent, 1,7 Millionen weniger Erwerbstätige, 2,3 Prozent Produktivitätszuwachs).

Das alles paßt nicht in das gängige deutsche Amerika-Bild, klingt insofern unglaublich, ist aber wahr. Dahrendorfs Darstellung hingegen fügt sich nahtlos in das herrschende Meinungsbild, erscheint insofern glaubhaft, ist aber falsch. Um Mißverständnisse zu vermeiden: In den Vereinigten Staaten lag das Niveau der Arbeitsproduktivität sowohl im Jahre 1973 als auch im Jahre 1982 höher als in der Bundesrepublik – aber die Bundesrepublik hat in diesen zehn Jahren deutlich aufgeholt.

Dahrendorfs wissenschaftliche Einsichten sehen mir sehr nach rechtzeitig ge-wendeten Ansichten mit eindeutigen politischen Absichten aus. „Die Forderung nach dem Acht-Stunden-Tag war ein Stück Verlangen nach Gerechtigkeit, nach Bürgerrechten für alle“, lobt er die gute alte Zeit, meint aber, die gegenwärtig erhobene Forderung nach Arbeitszeitverkürzung diskreditieren zu müssen. An dem historischen Rückblick ist soviel richtig, daß die Forderung nach dem Acht-Stunden-Tag eng mit dem Kampf der Gewerkschaftsbewegung für die Demokratie in Deutschland verbunden war und 1918/19 auch nur zusammen mit ihr verwirklicht werden konnte. Es ist allerdings nicht ohne Ironie, daß Dahrendorf als Freidemokrat dem aktuellen Kampf für die 35-Stunden-Woche offenbar genauso ablehnend gegenübersteht wie die Liberalen zu Kaisers Zeiten dem Kampf für den Acht-Stunden-Tag, dieser aber heute von Dahrendorf als Beweis für die – frühere – Fortschrittlichkeit der Gewerkschaften gewertet wird. Das freilich ist ein internes Problem des deutschen Liberalismus, in das ich mich nicht weiter einmischen will. Nur: Die jeweils aktuell anstehenden Ziele der Gewerkschaftsbewegung mit dem lobenden Hinweis auf das bereits Erreichte für überflüssig oder sogar für rückschrittlich zu erklären, war noch immer die Methode derjenigen, die auch ohne Verwirklichung dieser Ziele gut leben können.