Ob New York oder Neapel, Glasgow oder Marseille, Baltimore, Wien oder Rio de Janeiro – es gibt keine Großstadt, die nicht ihr Kreuzberg hätte. Das ist: ein heruntergekommener, verfallender, durch gedankenlose, Menschen und Milieu verachtende Sanierungspraktiken todgeweihter Stadtteil. Freilich gibt es auch keine andere Großstadt, die dieses Problem so beherzt und so phantasievoll angepackt hätte wie Berlin.

Dieser Versuch einer menschenfreundlichen, behutsamen Stadterneuerung ist einer Einrichtung zu danken, die gewöhnlich ganz andere Vorstellungen weckt: der Internationalen Bau-Ausstellung (IBA), an der seit mittlerweile fünf Jahren gearbeitet wird. Was die IBA von klassischen Bauausstellungen, wie sie in Berlin seit Anfang des Jahrhunderts bis zur Interbau 1957 gepflegt worden sind, unterscheidet, ist, daß sie als ein Prozeß verstanden und auch so vorgeführt werden wird: mit Vorsatz unfertig.

Den ersten Blick auf das ehrgeizige Projekt – Stadtneubau und Stadterneuerung – eröffnet Berlin im September. Den ganzen, zum Teil noch gar nicht existierenden Fundus an Bauten und sozialen Anstrengungen wird die IBA erst 1987 zeigen, zur 750-Jahrfeier der Stadt. Dann erst wird man wissen, wie nahe Berlin dem ehrgeizigen Ziel des Stadtneubaus und der Stadterneuerung gekommen ist.

Seit ihrer Gründung 1979 hat sich die IBA – genauer: die zur Vorbereitung der IBA geschaffene GmbH – schon vieler, bisweilen existenzgefährdender Bedrohungen erwehren müssen. Schon 1980, als es sie eben erst zwei Jahre gab, fühlte sich neben anderen der Berliner Architekturprofessor Dietmar Grötzebach zu einer nicht nur ironischen Ermunterung aufgerufen. „Das gegenwärtige IBA-Chaos“, schrieb er im Werkbundblatt werk und zeit, „könnte die unvermeidliche Katharsis vor der großen Wende sein. Nichts wirklich Großes geht ohne anfängliches Durcheinander, und irgendwann in den achtziger Jahren werden wir ihn alle sehen, den IBA-Phönix aus der Asche flatternd.“

Dem Senat war die IBA als eine Möglichkeit eingefallen, sich aus einer Verlegenheit zu retten. Berlin hatte, um das reizvolle, immer noch mit Kriegstrümmern beladene Gebiet am Landwehrkanal zwischen Zoo und Philharmonie in ein möglichst urbanes Wohngebiet zu verwandeln, einen Architektenwettbewerb veranstaltet und war dabei auf die Nase gefallen. Nach allerlei vergeblichen Korrigierversuchen hoffte man, der großen Idee mit einer internationalen Anstrengung näherzukommen und das Projekt zum Tnema einer Bauausstellung zu machen.

Der heftigste Protest dagegen, das „Filetstück“ Berlins in einer Gewaltanstrengung zu verbauen, kam vom damaligen Ullstein-Verleger Wolf Jobst Siedler, der in der Berliner Morgenpost eine monatelange Kampagne inszenierte und der geplanten Bauausstellung ein neues Stichwort gab: Stadtreparatur.

Zugleich war in Kreuzberg eben begonnen worden, die Erneuerung des ausgebluteten Gebiets SO 36 mit einer neuen Strategie, das hieß mit der engagierten Beteiligung der Bewohner, zu versuchen. Der Bausenator, damals Harry Ristock, nahm die kritischen Anregungen geschickt auf, und so entstand allmählich das neue Thema: „Wohnen in der Stadt“, oder: die Wiedergewinnung der Innenstadt als Wohnort.