Vor fünfzehn Jahren hatten Geschichten wie diese Hochkonjunktur. Autoren der achtundsechziger Generation verabschiedeten sich von heilen Kinderwelten und benutzten traditionelle Erzählformen wie Fabel, Rätsel und Märchen, um unheile Wirklichkeiten und unbequeme Wahrheiten an die jungen Leser zu bringen.

Wolfgang Bittner: „Der Riese braucht Zahnersatz“, Zeichnungen von Doris Lerche; Verlag Huber, Frauenfeld; 95 S., 24,80 DM.

Auch Bittner konterkariert, bricht und gebraucht gleichzeitig die alten Lehren und Mythen, wenn er neue Einsichten in Kasperle-Geschichten, Tierkämpfe und Riesen-Abenteuer verpackt.

Dem Leser auf die Sprünge helfen Doris Lerches Zeichnungen. Kasperle mit dem unangepaßten Verhalten tritt als Punk mit Irokesen-Haarschnitt auf. Schwein und Ziege, die in die Welt ziehen, tragen die Kleidung jugendlicher Tramps mit Survival-Gepäck. In der unersättlichen Schlange, die sich im Urwald selbst auffrißt, erkennt man die Lebensraum zerstörende Planierraupe. Die realistischen Texte im letzten Teil des großformatigen Buches bilden keinen Bruch, sondern zeigen Anwendungsbereiche der vorangegangenen Moral: Aggression, Machtmißbrauch und ihre Überwindung in Familie, Schule, Staat und Flüchtlingselend. – Ein neues, vielversprechendes Text-Bild-Team! Birgit Dankert