Von Karl Stipsicz

Es müßte jedem klar sein, daß die Beziehungen unseres Landes zu diesem, von der Krise geschüttelten, Teil der Weltwirtschaft in den achtziger Jahren überlegter gestaltet werden müssen ... der beste Ausweg wäre der Übergang zum freien Zahlungsverkehr auch im Handel mit den Staaten des Comecon.“

Diese einsichtsvollen Worte schrieb der Budapester Ökonom und Planwirtschaftsspezialist Tamás Bauer der ungarischen Zeitschrift mozgö világ (Welt in Bewegung) im November 1982. Obwohl kaum jemand in Ungarn anderer Meinung ist, wurde diese allzu offene Äußerung als Skandal empfunden. Die sozialistische Wirtschaftsgemeinschaft Comecon gehört nun einmal zu den Tabus im real existierenden Sozialismus. Diese Wirtschaftsgemeinschaft sei, so jubeln Parteijournalisten zwischen Irkutsk und Havanna, zwischen Ost-Berlin und Ulan Bator, das „Herz der sozialistischen Welt“. Die Zahlen, mit denen diese Welt aufwarten kann, imponieren – zunächst jedenfalls: Der Zehner-Klub, dem neben den sieben europäischen Staaten des Warschauer Paktes auch Vietnam, Kuba und die Mongolei angehören, erwirtschaftet ein rundes Drittel der globalen Industrieproduktion, ein Viertel des Welteinkommens und ein Fünftel der Agrarprodukte.

Was in den Jubelberichten regelmäßig fehlt, ist ein direkter Vergleich des roten Wirtschaftsgiganten mit der kapitalistischen Welt. Von einem ökonomischen Wettlauf mit dem Westen, von dem Nikita Chruschtschow zu Beginn der sechziger Jahre träumte, ist im dreißigstöckigen Comecon-Hauptquartier an der Moskwa längst nicht mehr die Rede. Dort hoffen die Planherren viel eher klammheimlich auf einen kräftigen Witschaftsaufschwung in Westeuropa und Nordamerika, weil er auch die sozialistischen Staaten aus der Krise herausholen könnte, in der sie seit Jahren stecken.

Der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe war eine Reaktion auf den Marshall-Plan, dem sich auch gerne die Regierungen Polens und der Tschechoslowakei angeschlossen hätten. Die Männer um Stalins Außenminister Molotow zimmerten im Januar 1949 ein Koordinationszentrum, das die politisch gleichgeschalteten mittel- und osteuropäischen Staaten auch wirtschaftlich vom Westen abschotten sollte. Mit revolutionärem Elan wurden jahrhundertealte Handelsströme zwischen Polen, Ungarn, Mitteldeutschland und der Tschechoslowakei auf der einen und Westdeutschland, Frankreich und Großbritannien auf der anderen Seite ganz einfach in sozialistische Kanäle umgeleitet.

Die Demontage ganzer Industriekomplexe zugunsten der Sowjetunion und die überstürzte Sozialisierung des Wirtschaftslebens erzeugten bei den unfreiwillig von Mittel- zu Osteuropäern gewordenen Völkern ein bis heute nicht abgeklungenes Mißtrauen gegen die propagandistisch verblümten Vorteile sozialistischer Arbeitsteilung. Diese sieht in der Realität, glaubt man dem Budapester Volksmund, folgendermaßen aus: „Wir schicken den Tschechen Getreide, die liefern dafür den Polen Maschinen, die Polen schicken den Sowjets Chemikalien und zu uns kommt als Bezahlung eine russische Volkstanzgruppe.“

Der latente Unwille zur Zusammenarbeit mit den Bruderstaaten wurzelt in der Frucht vor dem übermächtigen Partner UdSSR, der siebzig Prozent – Tendenz steigend – des Comecon-Bruttosozialproduktes erwirtschaftet, alle Schlüsselfunktionen in den Exekutivausschüssen der Wirtschaftsgemeinschaft mit Sowjetgenossen besetzt hält und ein Quasi-Monopol auf wichtige Rohstoffe besitzt.