Die Deutschen sind dabei, ihre Geschichte, auch die weit zurückliegender Jahrhunderte, wiederzuentdecken: Das Jahr 1981 mit der Berliner Preußen-Ausstellung und den zahllosen Veröffentlichungen zur preußischen Geschichte ist im Jahrbuch von Meyers Enzyklopädischem Lexikon bereits als „Preußenjahr“ festgeschrieben; 1982 erlebten wir ein „Goethejahr“; 1983 folgte in beiden Teilen Deutschlands ein „Lutherjahr“, für das sich Wissenschaft und Publizistik, Presse, Rundfunk und Fernsehen gleichermaßen engagierten. Historische Gedenktage tragen auf ihre Weise dazu bei, das durch die Katastrophe der Jahre 1933 bis 1945 gestörte öffentliche Geschichtsbewußtsein neu zu beleben. Das Lutherjahr mit seinen drei Gedenktagen – 500. Geburtstag Luthers, 100. Todestag von Karl Marx, 50. Wiederkehr der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ – legte zugleich die ganze Spannbreite deutscher Geschichte offen. Preußenjahr, Goethejahr und Lutherjahr verweisen aber auch auf die gemeinsamen Wurzeln, Traditionen und Katastrophen in der Vergangenheit beider deutscher Staaten.

Wer heute eine Bilanz des Lutherjahres in der Bundesrepublik und in der DDR aufmacht, muß sich ernsthaft fragen lassen, wo denn entschiedener und mit größerer Anteilnahme um das Erbe des Reformators gerungen wurde – im Westen oder im Osten? Beim feierlichen Luther-„Staatsakt“ im Dom zu Worms oder auf den insgesamt 6 regionalen Kirchentagen der DDR und bei der eindrucksvollen Luther-Geburtstagsfeier auf dem Marktplatz zu Eisleben? In den von verschiedenen Autoren zu verantwortenden, historisch unzuverlässigen, zum Teil beschämend schwachen Fernsehproduktionen hier oder in dem streng an den Quellen orientierten, unter erstklassiger Fachberatung entstandenen fünfteiligen Fernsehfilm von Hans Kohlus dort? In der Bundesrepublik erschienen zahlreiche große und kleine Lutherausgaben – in der DDR die einzige neue, noch unvollendete wissenschaftliche „Studienausgabe“ von Luthers Hauptschriften mit textkritischem Apparat.

Gewiß: Was die Zahl der im Lutherjahr vorgelegten reformationsgeschichtlichen Publikationen anbetrifft, vermag die DDR mit den Veröffentlichungen bundesrepublikanischer Verlage nicht Schritt zu halten. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß im vergangenen Jahrzehnt eine beträchtliche Intensivierung der Luther- und Reformationsforschung in der DDR stattgefunden hat. Höhepunkt war zweifelsohne das Lutherjahr 1983 mit den Lutherbiographien von Gerhard Brendler und Gert Wendelborn, verschiedenen Sammelbänden (herausgegeben von H. Junghans, G. Vogler u. a.), Flugschriften- und Werkeditionen, kunstgeschichtlichen Studien, Veröffentlichungen aus den Archiven und historischen Einzeluntersuchungen. Schon in Gerhard Zschäbitz’ Biographie des jungen Luther von 1967 kündigten sich Differenzierungen und Wandlungen in der Urteilsbildung über den Reformator an. Die abschätzigen Vokabeln vom „Bauernschlächter“ und „Fürstendiener“ sind heute außer Kurs gesetzt. Nicht nur für Theologen, auch für marxistische Historiker und Politiker in der DDR gehört Luther nunmehr „zu den großen Persönlichkeiten der deutschen Geschichte von Weltgeltung“, wie es 1981 in der parteiamtlichen Zeitschrift für Theorie und Praxis des wissenschaftlichen Sozialismus Einheit heißt.

Zu den herausragenden und besonders anregenden Publikationen zum Lutherjahr zählt fraglos der vom Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR betreute Band von

Werner Schuffenhauer und Klaus Steiner (Hrsg.): „Martin Luther in der deutschen bürgerlichen Philosophie 1517-1845. Eine Textsammlung“; Akademie-Verlag, Berlin 1983; 575 S., 72,80 DM.

Die von den Herausgebern zusammengetragene Dokumentation umspannt mit 56 Autoren einen Zeitraum von mehr als drei Jahrhunderten – von der Reformationszeit bis zum Ausgang der klassischen „bürgerlichen“ deutschen Philosophie in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie ergänzt die vorliegenden Textsammlungen von Zeeaen, Bornkamm, Glaser/Stahl und Müller und führt durch ihren weitgefaßten Begriff „Philosophie“ in vielem darüber hinaus. Der Bogen der Interpretation, Kritik und Würdigung von Luthers Persönlichkeit und Werk reicht von Ulrich von Hutten, Paracelsus und Melanchthon bis zu Ernst Moritz Arndt, Heinrich Heine und Ludwig Feuerbach. Bekannte (Müntzer, Leibniz, Lessing, Kant, Goethe, Hegel, Schleiermacher u. a. m.) und weniger vertraute Namen (Mathesius, Weigel, Buddeus, Dippel, Walch u. a. m.) lassen ein differenziertes Bild der Lutherdeutung und -bewertung im Wandel des philosophischen Denkens vom Humanismus bis zur deutschen Literatur des Vormärz entstehen. Damit erfüllen die ausgewählten Quellenzeugnisse zwei Aufgaben: Sie bieten einerseits eine Hinführung zu Luther, eine Einführung in sein Leben und Werk, andererseits eine Analyse der Wirkungsgeschichte des Reformators in der deutschen Philosophie der Neuzeit.

Nicht zu Unrecht können die Herausgeber für sich in Anspruch nehmen, hinsichtlich des historischen Rahmens und der Reichhaltigkeit der Zeugnisse die bisher zweifellos umfassendste Dokumentation der geistigen Auseinandersetzung mit Luther vorgelegt zu haben, ja unter philosophiegeschichtlichem Aspekt ist sie die erste Ausgabe dieser Art überhaupt. Der Wert der Edition wird erhöht durch eine detaillierte achtzehnseitige Zeittafel „M. Luther und seine Zeit 1483-1546“, durch 36 Seiten erläuternde Anmerkungen zu den Quellenzeugnissen, die ebenso wie das ca. 1000 Titel umfassende Literaturverzeichnis Vertrautheit mit dem Forschungsstand auch der „bürgerlichen“ Literatur bekunden.