Von Kraft Wetzel

Berlin-Wedding. Die hagere Frau mit den blondgefärbten Haaren, die eben vor ihrer Arbeitsstelle einparkt, fährt auf der Rückscheibe ihres Audi 50 einen Aufkleber spazieren: fressen, ficken, fernsehen, gedruckt in Schwarz, Rot und Gelb; die Buchstaben schlagen Falten, als zierten sie ein Flaggentuch. Der Sex-Shop, in dem die Blonde arbeitet, heißt aber „In alter Manier“. Das Schaufenster beherrscht ein von Zimmerpflanzen umrankter Goldrahmen mit einem Pnoto-Poster in Schwarzweiß, das ein Paar in der Abendtoilette der Jahrhundertwende vor Gründerzeit-Prachtbauten zeigt.

So fällt ein wenig vom Glanz der guten alten Zeit, in der Männer noch Zylinder und Manieren trugen, auf die Interessenten für Video-Sex und Wichsvorlagen.

*

Von meinen Stippvisiten bei Philosophie-Seminaren hat sich mir eine Formel eingeprägt: der Mensch sei ein Lebewesen der befriedigenden Bedürfnisbefriedigung. Seine Bedürfnisse befriedigt jedes Tier; dem Menschen eigen ist aber das Bedürfnis nach befriedigenden Formen ihrer Befriedigung. Hunger haben – sich den Magen vollschlagen; Lust haben – sich über eine Frau/einen Mann hermachen; Langeweile verspüren – den Fernseher einschalten: das sind animalische Reflexe. In rüden Vokabeln wie „fressen“ und „ficken“ klingt die Gewalt nach, mit der bei solchem Verhalten die Bedürfnisse durch ihre umstandslose Befriedigung zum Schweigen gebracht werden, als wären sie lästiger Juckreiz.

Dagegen zielen die zunächst an den absolutistischen Höfen ausgebildeten, dann von der bürgerlichen Oberschicht als „Zivilisation“, als „Manieren“ übernommenen Verhaltensformen darauf ab, den Weg zwischen dem Bedürfnis und seiner Befriedigung zu verlängern. Dieser Weg wird zum Parcours ausgestaltet, dessen Bewältigung Erfindungsreichtum und Fingerspitzengefühl erfordert – und so die Vorfreude auf das Objekt der Begierde steigert. Je mehr einer sich ins Zeug legen muß, um etwas zu bekommen, je mehr Kräfte, Fähigkeiten, Schönheiten er dabei an sich entfaltet, umso mehr wird er genießen können: das ist die triebökonomische Logik aristokratischer Lebensführung.

In seinen Gesellschaftskomödien führt Ernst Lubitsch vor, wie schön es sein könnte, ein in diesem Sinne kultivierter Mensch zu sein, welch unendlicher Genuß es wäre, zwischen zwei Punkten eben nicht den direkten Weg oder den des geringsten Widerstands zu nehmen, sondern den des größten Raffinements, der höchsten Eleganz. In den 30er Jahren, als sich die objektiven Voraussetzungen eines solchen Lebensstils auflösten, entwarf Lubitsch noch einmal die Utopie eines zum Aristokraten veredelten Bürgers, der sich, was immer er haben will, sei es Sex oder Geld, auf so kunstvolle Weise zu nehmen weiß, daß die Brillanz der Formen den schnöden Eigennutz der Motive vergessen macht.