Gott: ein „Ferment“; Christus: keine „Inspirationsfigur“ –

Von Heinz Josef Herbort

Im Anfang war das Wort – war es auch schon Literatur? Der „Logos“: die Erklärung, der Befehl, der Vorwand, die Redeweise, das leere Geschwätz, die Rechnung, die Begründung, die Art und Weise, die Verheißung, die Vernunft, das Gerücht, der Vorfall, die Rücksicht, das Ansehen, die Triebfeder, die Botschaft – der Christus Jesus. Dieser „Logos“, dieses Wort... der Befehl... das leere Geschwätz ... die Rücksicht... die Botschaft war im Anfang bei Gott, er war Gott. Ist das schon Theologie?

Da läßt jemand einen Ich-Erzähler einen ehemaligen Selektions-Wachmann von Auschwitz aufspüren – der Mann ist heute angesehener Gemeinspüren eine Autorität in seinem neuen dörflichen Unterschlupf – und ihm in einer Art Psycho-Folter die „andere“ Seite seines Tuns vorführen: Eines der damaligen Opfer hieß Ottla Kafka, und die Wahrheit über das Schicksal dieser Schwester Franz Kafkas läßt sich rekonstruieren. „Sie waren imstande, drei oder vier Jahre Ihres Lebens als Menschenschlächter zu verbringen. Ich weiß nicht, wie Sie Ihren Sadismus, Ihre Mordlust danach unterdrückt haben. Welches Wunder Sie zum Demokraten machte. Welchem Gott Sie Ihre Rettung verdanken.“ Die Befähigung des Menschen zum Bösen und daneben Gottes Allmacht und Weisheit und Güte – ist diese „Theodizee“ in der Literatur zwischen Hiob und Peter Härtling inclusive Epikur und Leibniz und Erbsündendogmatik Theologie im eigentlichen Wortsinne – Sprechen über Gott, Wissenschaft von Gott?

Da erfahren wir, daß ein Bräutigam vor der kirchlichen, will sagen: katholischen Eheschließung – damit, wie man ihm plausibel zu machen versucht, das Sakrament auch wirksam werde – versucht, soll und er dies zu tun auch übers Herz bringt. Sein Sündenbekenntnis enthält aber eigentlich nur Zweifel an der Kirche und ihrer Rolle im Dritten Reich. „Und weiter?“ wird er auf einen, auf den wunderen Punkt gelenkt: Die Marienfrömmigkeit des Pfarrers, steht noch über der Sexualneurose – „Ob er die Schönheit und Erhabenheit Mariens denn nicht mehr empfinden könne?“ Das „Ja, aber“ wird durch längere Erinnerungen an den „Meerstern“ und die „Gottesmutter süße* stumm ergänzt. Die Fragen des Beichtenden wie des Beichtigers beantwortet die Armbanduhr: „Der wird nun eilig freigesprochen“. Aber „erst als die Braut, kaum daß er sitzt, verstohlen Staub von seinen schwarzen Hosenbeinen wischt, wird ihm bewußt, daß sie als einzige von allen Mädchen, die er kannte, in sein mariologisches System nicht paßt“ – ist diese auf vorkonziliare Buß-Praktiken im äußersten Winkel der Provinz sich berufende Erzählung noch theologisch relevant?

Verdun im Sommer 1916. Marie Curie eilt mit ihrer fahrbaren Röntgenstation von Lazarett zu Lazarett, versucht den Weg hinein in die Festung, wird durch eine Autopanne auf ein Gehöft verschlagen. Der alte Bauer beobachtet von seinem Turmzimmer aus die mörderische Schlacht in der Ferne. Und hat plötzlich Visionen: „Etwas, was wie ein Mensch aussieht... Es ist der Verdammte, Madame, verstehen Sie, der Verurteilte, ich weiß nicht, von wem verurteilt, und schon gar nicht, weshalb – und alle Geschosse und Minen und Granaten und alle Qualen der Welt gehen durch ihn hindurch, durch ihn hindurch wie Strahlen.“ Ist dieser apokalyptische Text mit seiner Verbalisierung katholischen Denkens und Fühlens mehr als Ausdruck einer Selbsterfahrung: Was wir angestellt haben? Fügt er den Gesichten von Jesaja, Ezechiel, Sacharja und Joel bis Dostojewskij, LeFort, Dürrenmatt eine neue Variante an Gotteserkenntnis hinzu? Spricht Gertrud Fussenegger in dem zitierten Text überhaupt von Gott – theologisiert sie?

„Das blutet aus allen wunden/das wird vergewaltigt noch und noch“ heißt es bei Kurt Marti in einem Gedicht über „die passion des wortes GOTT“: „und ALSO wurde das wort GOTT zum letzten der wörter/zum ausgebeuteten aller begriffe/zur geräumten metapher/zum proleten der spräche.“ Die Bewegung erzeugte Gegenbewegung, die Aktion eine Reaktion: die Empfindsamkeit der Wörter. Sie hat die Schriftsteller, gesteht Peter Härtling, in eine Scheu, eine Ohnmacht, ein Sich-Versagen getrieben: „Man kann Gott nicht mehr benennen.“