Lilienthal

Mit siebzehn Jahren ist mein Sohn jetzt Schulanfänger. Seit August 1983 geht er zur Schule. Aber in diesem Jahr wird er bereits wieder ausgeschult, denn er wird achtzehn. Damit ist die Regelschulzeit vorbei, und aus ist der Traum. Dabei ist er voll schulfähig und allein das Training von August bis jetzt hat gezeigt, daß er gute Fortschritte macht.“

Manfred Runge ist Vater eines geistig behinderten Jungen. Wie 320 andere geistig behinderte Kinder und Jugendliche wohnt sein Sohn seit vielen Jahren im Evangelischen Hospital im niedersächsischen Lilienthal, der einzigen Langzeiteinrichtung dieser Art weit und breit. Das Heim gibt es seit 27 Jahren, eine Schule für die Kinder gab es 26 Jahre lang nicht. Die Kinder blieben „ungeschult“, wie es die Amtssprache formuliert. Bis im August 1983 in Lilienthal die Jan-Reiners-Schule eröffnet wurde.

Doch die Freude vieler Eltern und Kinder währte nur kurz. Denn ruhende Schulpflicht wird auf die Schulzeit angerechnet. Wer über das Warten auf seine Einschulung 18 Jahre alt geworden ist, hat Pech gehabt. Die Regelschulzeit ist abgelaufen. So will es das niedersächsische Sonderschulgesetz, in dem seit 1974 die Schulpflicht für Geistigbehinderte verankert ist.

Sieben Millionen Mark kostete die in zweieinhalb Jahren gebaute Jan-Reiners-Schule. Sie bietet Platz für 80 Kinder und Jugendliche. 240 andere stehen vor der Tür, sie sind „zu alt“.

Auf die Barrikaden gehen vor allem die Eltern der gerade eingeschulten Kinder. Zwölf der im vergangenen Herbst aufgenommenen Jungen und Mädchen müssen mit Ende dieses Schuljahres die Ausbildungsstätten wieder verlassen: Sie sind oder werden in diesem Jahr achtzehn. Sie müssen dafür büßen, daß sie keine Schule besuchen konnten, weil es keine gab.

Rena Krull, jetzt Vorsitzende des Elternrats der Jan-Reiners-Schule, klagte jahrelang auf einen Schulplatz für ihre Tochter. Das Mädchen lebt im Heim, ist heute zehn Jahre alt. Seit Herbst besucht sie die Jan-Reiners-Schule; die versäumten Jahre aber sind dahin. Die Mutter protestierte bei der Schulbehörde in Lüneburg. Lakonische Antwort: „Die Behörde kann letztlich nicht für die Massierung ... von Geistigbehinderten in Lilienthal verantwortlich gemacht werden.“