Es spitzt sich also zu, und es war vorauszusehen. Als vor einem Jahr Peter Girth, Intendant des Berliner Philharmonischen Orchesters, zwar in Absprache mit Herbert von Karajan, aber ohne die satzungsgemäße Mitbestimmungsprozedur einzuhalten, der Klarinettistin Sabine Meyer einen Vertrag auf ein Probejahr gab, war der Konflikt programmiert. Nun hat Frau Meyer – das ist kein „Frauen-Problem“, jeder männliche Aspirant hätte sich ähnlich verhalten müssen – auf die „Abstimmung“ über ihre Tätigkeit verzichtet. Nun hat umgekehrt Karajan „seinen“ Intendanten für „unverzichtbar“ erklärt und trotzig den Philharmonikern ein Konzert in Salzburg abgesagt, um es mit der Konkurrenz aus Wien zu spielen. Eine Prestigefrage, wie beim Drucker- oder Metaller-Streik – wer gibt in welchem Punkte nach? Die Philharmoniker können auf die für sie in klingende Münze sich auszahlende Attraktivität des Namens Karajan nicht verzichten – Karajan will sich wenigstens in künstlerischen Dingen nichts von Bürokraten oder Paragraphenreitern vorschreiben lassen. Aber hinter dieser Sandkastenrangelei versteckt liegen weit wichtigere Probleme. Die Philharmoniker sind zu gute Musiker, als daß sie nicht wüßten, wie dringend sie endlich wieder einen „Erzieher“ brauchen, der mit ihnen arbeitet. Sie benötigen auch jenen „Jung“-Star, der ihnen in „jenem Moment“ weiterhin die künstlerische Reputation (und damit das gute Platten- und TV-Geschäft) garantiert. Aber die Nachfolge Karajans wird so lange tabu bleiben (müssen), wie die (keineswegs musikalischen) „Sachzwänge“ wirksam sind. Aus Schaden werde man klug – will uns der Volksmund lehren. Die Philharmoniker wären wohl nicht schlecht beraten, wenn sie in voller Selbstbestimmung aus ihrer Satzung jenen anachronistischen Paragraphen strichen, nach dem der Leiter „auf Lebenszeit“ berufen wird. Ohne auch nur für einen Moment den geringsten Zweifel an der künstlerischen Persönlichkeit Herbert von Karajans anzudeuten: der Maestro könnte sein Orchester und sich aus dieser verpflichtenden Zwangsjacke lösen. Die Ehren, mit denen man ihn überhäufte, müßten den kurzzeitigen Schmerz ertragen helfen. Und mit den Philharmonikern musizieren könnte er trotzdem – ebensooft wie die Klarinettistin Sabine Meyer. H. J. H.