Ein guter Ort, um Witterung zu nehmen. Vor der Hochbahn in der Skalitzer Straße geben Tisch und Stühle der „Taverna“ ungeniert ihr Alter preis. Zwei Griechen rücken Platz frei. „Wir gehören doch alle zusammen,“ sagt der eine, „aber nur in Kreuzberg“. Ein Satz aus der neuesten Berlin-Werbung? Oder eine herbe Liebeserklärung an Kreuzberg, die mißliebige, ungebärdige Waise unter den Berliner Bezirkskommunen?

Kontraste allenthalben. Sattes Lindengrün um die stählernen Hochbahnstützen, aufgefrischte Stuckfassaden, welche die Lagerplatzanarchie des Görlitzer Bahnhofs besänftigen. Türkenfrauen mit Kopftüchern und langen Röcken. Kinderscharen, die jenseits der Bahn in der Skalitzer Straße auf dem Bürgersteig wuseln. Aber auch zwei Polizeibusse; die Beamten sind im Haus nebenan verschwunden. Stachlige junge Leute am Eck. Ein übel verkommenes Haus jenseits der Bahn. Kreuzberg: größter Altbau-Bezirk West-Berlins; Arbeiter-Arbeitslosen-Ausländerstadt mit 150 000 Einwohnern; Freistätte junger Zuwanderer und ihrer explosiven Vitalität, Walstatt heftiger politischer Konflikte und Kämpfe.

Kreuzberg ist ein Notstandsgebiet. Ungefähr fünfzehn Prozent der Bevölkerung leben hier von Sozialhilfe. Etwa jeder vierte Einwohner ist Ausländer; in den Arbeitsfeldern der IBA (Luisenstadt und am Schlesischen Tor, Postadresse: SO 36) beträgt ihr Anteil bis zu achtzig Prozent (durchschnittlicher Ausländeranteil in West-Berlin: zehn Prozent). Die Mehrzahl der Jugendlichen – vierzig Prozent der deutschen, achtzig Prozent der ausländischen Schüler – erreicht nicht den Hauptschulabschluß. Entsprechend schnell wächst die Zahl der Arbeitslosen im Bezirk. Dabei böte die „Kreuzberger Mischung“ von Wohnhäusern und Fabriken eigentlich gute Voraussetzungen für stabile Lebenszusammenhänge. Doch der Bezirk ist ein Pflegefall, Stadterneuerung ist hier eine gewaltige soziale Herausforderung an Planer und Architekten. Als die IBA-Planer 1979 dem kaputten Kreuzberg zu Leibe rückten, taten sie dies mit zartem Anspruch: „Behutsamkeit“.

„Behutsame Stadterneuerung“, was ist das? Zwölf „Gebote“ wurden 1982 vom Berliner Abgeordnetenhaus proklamiert (siehe Kasten auf dieser Seite). Mit ihrer konsequenten Einhaltung war es nicht immer weit her, gleichwohl sind Ergebnisse sichtbar, zählbar und erzählbar: die Anzahl erhaltener Häuser und neu geplanter Einrichtungen; die unendlichen Stunden des Redens auf Bürgerversammlungen, in Seminaren, Wettbewerbsjury-Sitzungen und Hearings. Längst häufen sich die Papierstapel, die Dokumentationen einzelner Arbeitsschritte und Untersuchungen: über Materialprüfungen, über Grün im steinernen Meer, über Freizeiteinrichtungen, Selbsthilfe, die Brauchbar-

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keit von Remisen über Stadtteil und Häusergeschichte. Ein Beziehungsgeflecht von Menschen und Institutionen – und „Betroffenenbeteiligung“, jener bürokratischen Zauberformel, welche die gesamte Arbeit in Gang hielt. Zugange ist da ein bunter Haufen: Vorneweg die IBA-Galionsfigur Hardt Waltherr Hämer und die als Bereicns-Koordinatoren tätigen „Kiezfürsten“, die Planer; mit dabei sind aber auch die Häuptlinge der in langwierigen Protestaktionen zu Experten herangereiften Bürgervertreter. „Ich hab’ mich zum Bewohner emporgearbeitet“, sagt einer dieser Wortführer, Rainer Graff, vormals Lehrer, dann Hausbesetzer und jetzt ortserprobter „Stadtforscher“ im Menschenbiotop des ehemaligen „Besetzerblocks“ am Heinrichplatz.