Schwierig ist es, die bunten hessischen Verhältnisse zu ordnen. Holger Börner bewegte sich, bei aller Entschiedenheit, durchaus bedächtig auf sein Ziel zu: Nicht mehr Geschäftsführer seiner selbst, sondern förmlich gewählter Ministerpräsident zu sein. Nach einem Interim von anderthalb Jahren soll es diese Woche endlich so weit sein.

Die Voraussetzungen scheinen erfüllt. Börners Reputation hat nicht gelitten, obwohl es sieben Grüne sein müssen, die ihm eine Mehrheit bescheren. Zuversicht schöpft der Milieu-Sozialdemokrat aus dem Wissen, daß die Grünen selber unter Erfolgszwang stehen. Man ist aufeinander angewiesen; das verbindet.

Darüber hat Börner nie seine eigene Partei aus den Augen verloren. Dort sind jene Anti-Grünen-Ressentiments durchaus noch lebendig, dank derer er sich selber vor noch nicht allzu langer Zeit zu heftigen Ausfällen hinreißen ließ. Börner behauptet, ihm bleibe keine andere Wahl. Die FDP ist für ihn indiskutabel; eine große Koalition verbietet sich, weil Wiesbaden die Gegenwelt zu Bonn bieten will. Manche hessischen Sozialdemokraten kennen auch keine Alternative zum rot-grünen Bündnis; aber sie bleiben dabei, darin einen Sündenfall wider den demokratischen Geist zu sehen. Heribert Reitz ist einer von ihnen.

Der Ausstieg des Finanzministers ist ehrenwert, und er hilft Börner. Reitz hat für die rechten Sozialdemokraten sein Memento eingelegt. Holger Börner kann nun mehr als zuvor darauf vertrauen, daß ihn am Donnerstag tatsächlich alle SPD-Abgeordneten wählen. G. S.