Wende oder zyklische Wiederkehr des Ewiggestrigen, Renaissance der alten Werte oder Sprechblasen – was ist dran am „Konservativismus“? Auf einem mehrtägigen Kongreß unter dem vieldeutigen Titel „Konservativismus in der Strukturkrise“ versuchten notorische Nachdenker aller politischer Richtungen – darunter Iring Fetscher, Helmut Dubiel, Meinhard Miegel, Jürgen Busche – auf Einladung der Frankfurter Juso-Hochschulgruppe der Sache auf den Grund zu gehen. Seit Platon, seit dem „Gottesstaat“ des Aurelius Augustinus war das Vertrauen der Menschheit, der abendländischen zumindest, in den Weg der Geschichte ungebrochen. „Progressive“ wie „Konservative“ sahen in der Ferne schon die Pforten des Paradieses weit geöffnet; die „Progressiven“ immer neue, immer rasantere Modelle entwerfend, die „Konservativen“ mit kleinen Reparaturen den alten Wagen so lange wie möglich in Fahrt haltend. Heute, wo der Glaube in den Fortschritt erlahmt ist, wo weder das Herumbasteln noch der schnittige Neuentwurf weiterhelfen wollen, wirken Begriffe wie „konservativ“ und „progressiv“, „Wende“ oder „neue Utopie“ seltsam gegenstandslos. Waren nicht alle Wege ins Paradies Sackgassen? Das Nachdenken über diese Begriffe, das zeigte sich auf diesem Kongreß sehr rasch, wird zu einem Nachdenken über das Ende der Geschichte, über die Zeit „nach der Geschichte“. Ist die Heilserwartung – sei es nun materialistischer oder christlicher Prägung – erst aufgegeben, werden Begriffe wie „progressiv“ und „konservativ“ zu Mitteln einer Sinngebung des Sinnlosen, wie Theodor Lessing Geschichte einmal definiert hat. An dieser Stelle wird das Spezifische des „Konservativismus in der Strukturkrise“ sichtbar: Es geht nicht mehr um das Bewahren alter Werte innerhalb des historischen Prozesses, sondern um das Bewahren eines Anscheins von historischen Prozeß selbst, also um das „Weitermachen“ ohne Ziel oder Vorstellung. Und wahrscheinlich macht das den Konservativismus eines Helmut Kohl so attraktiv: Probleme auszusitzen und sich selbst überflüssig erscheinen zu lassen – es läuft ja wie von selbst. Von allen Illusionen, deren der Mensch des posthistorischen Zeitalters bedarf, ist die der Bewegung die wichtigste. Und da werden nur drei Fernsehprogramme „in Zukunft“ tatsächlich kaum ausreichen. B. E.