/ Von Nina Grunenberg

Ankara, im Juni

Eine Episode aus den deutsch-türkischen Beziehungen: Am Freitag, dem 23. März, vormittags um elf Uhr, ketteten sich in der Stadtmitte von Ankara sieben Politiker der Grünen aus der Bundesrepublik an einen Zaun an, um gegen die Verhältnisse in der Türkei zu protestieren. Es handelte sich um die vier Bundestagsabgeordneten Gabriele Potthast, Uli Fischer, Willi Hoss und Milan Horacek. Sie wurden von Rudolf Bahro, einem Vorstandsmitglied der Grünen, von Lukas Beckmann, dem ehemaligen Bundesgeschäftsführer der Grünen, und von dem 1982 aus der DDR ausgewiesenen Liedermacher Kalle Winkler begleitet.

Zwei Tage zuvor war die Gruppe auf getrennten Wegen in die türkische Hauptstadt geflogen, logierte aber gemeinsam im „Büyük Ankara“, dem ersten Hotel am Platze. Dort bereitete sie ihre Aktion auch vor. Daß die Grünen ungestört blieben, bestärkte zynische Beobachter in der Vermutung, daß der Ruf der türkischen Geheimpolizei besser ist als ihre Leistung. Die sieben benahmen sich wie zu Hause. Sie luden Zeitungskorrespondenten, Fernseh-Redakteure und Agentur–Journalisten zu ihrer „Demo“ ein. Sie malten Transparente, kauften auf dem Bazar dreizehn Meter Eisenkette, ein Sägeblatt und passende Schlösser zum Zuschnappen. Erst als Kalle Winkler bei einem Rundgang durch die Altstadt den Muezzin von einem Minarett zum Gebet rufen hörte, wurde ihm – der internationale Polit-Tourismus war dem DDR-Zögling noch ungewohnt – vorübergehend schwach. Plötzlich begriff er nämlich: „Mensch, Du bist in Asien.“ Er schrieb die Einsicht sofort auf, denn er war für die Aktion von der Tageszeitung als Chronist verpflichtet worden (taz vom 26. März 1984).

Ganz wohl fühlten sich die Deutschen nicht, ihr Unternehmen war bei den Grünen wohl auch umstritten. Aber die möglichen Konsequenzen ihres Abenteuers schienen innen nicht sehr deutlich gewesen zu sein. „Ich richte mich innerlich auf ’ne Woche türkischen Knast ein“, notierte Winkler in sein Tagebuch. Und: „Für das, was wir vorhaben, würden türkische Menschen mindestens zehn Jahre bekommen.“ Die sieben rechneten damit, daß die Öffentlichkeit sie nicht im Stich lassen würde. Das wäre zum Teil beinahe schief gegangen. Als sie am 23. März morgens kurz vor elf Uhr vor das Hotel traten, war das Team des ZDF, das sie zum Tatort begleiten sollte, nicht am Platze. Sie entschlossen sich, trotzdem weiterzumachen: Womöglich wäre sonst die Presseerklärung, die die Grünen in Bonn herausgeben sollten, eher in der Öffentlichkeit gewesen als sie in Ankara an ihren Ketten.

Um 12.15 Uhr erfuhr Walter Jürgen Schmid, der Leiter der Rechts- und Konsularabteilung in der Deutschen Botschaft am Atatürk Boulevard, vom örtlichen Büro der Presseagentur United Press International, die Polizei habe grüne Abgeordnete festgenommen. Gleich darauf rief auch Petra Kelly aus Bonn an: Sie habe etwas gehört, sie mache sich Sorgen. So wie Mütter um Hilfe rufen, deren Kinder nicht rechtzeitig vom Spielplatz zum Essen kommen.

Kühl und konzentriert schalteten die Diplomaten auf Alarm: Wer mit den deutsch-türkischen Beziehungen zu tun hat, ist Krisen gewohnt. Botschafter Dirk Oncken und seine Mitarbeiter waren entschlossen, die Angelegenheit so geräuschlos wie möglich aus der Welt zu schaffen und die Grünen mit der nächsten Lufthansa-Maschine nach Bonn zurückzuschicken. Dazu mußten nur auch die Türken bereit sein. Oncken fuhr sofort ins Innenministerium, Schmid ins Polizeipräsidium.