Hamburg

Daß die Bildungspolitik in den vergangenen Jahren von Finanzministern bestimmt wurde, hat zur Amtsmüdigkeit des Hamburger Wissenschaftssenators Hansjörg Sinn beigetragen. Von Herbst an möchte sich der parteilose Chemie-Professor wieder der Forschung und Lehre widmen. Ausgerechnet mit einem Sparprogramm will er sich verabschieden. Hamburgs Universität würde dadurch schwer erschüttert. Sinns Sparkatalog soll sie 200 Dozentenstellen kosten. Besonders die geisteswissenschaftliche Fakultät hätte darunter zu leiden. Zugunsten der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH) müßte sie langfristig auf Lehrpersonal verzichten, wenn das Denkmodell des Wissenschaftssenators bei den Haushaltsberatungen Zustimmung findet.

Zweck der Stellenverschiebung ist es, den Aufbau der TUHH zu sichern, obwohl der Senat beschlossen hat, in den nächsten fünf Jahren 3,5 Prozent aller Stellen im Wissenschaftsbereich einzusparen. „Im Grundgedanken ist das eigentlich gar nicht so schlecht“, gibt Justus Woydt, Verwaltungschef der TU, bereitwillig zu. Nur: „Das funktioniert so auf keinen Fall.“ Harburg brauchte sofort viele Dozenten; bis Stellen an der Hamburger Universität zur Ausschreibung anstünden, sei der Bedarf wahrscheinlich wieder gesunken. Die Begünstigung der einst als Forschungszentrum für Norddeutschland projektierten Technischen Hochschule würde zudem in einem Bereich „das Klima vergiften, in dem es sehr auf die Kooperation der Hochschulen ankommt“, meint Justus Woydt.

Schon heute können Hamburger Studenten nur mit Neid auf die jüngste bundesdeutsche Hochschule im Stadtteil Harburg blicken. Auf die 35 Studenten der Verfahrenstechnik, die im vergangenen Jahr das Studium aufnahmen, kamen fünf Professoren und rund zwanzig Wissenschaftler. Ursprünglich hatte Senator Sinn 16 000 Studienplätze für Harburg vorgesehen. Als Folge der Sparpolitik in Bund und Ländern schrumpfte diese Zahl. Nun sollen es bis zu 2000 Studenten sein, die sich Anfang der neunziger Jahre in den Fächern Schiffsmaschinenbau oder Umweltschutz- und Meßtechnik tummeln.

Immerhin konnte der scheidende Senator die Finanzierung weiterer Bauabschnitte sicherstellen. Mit der Vergrößerung wollen die Hamburger die Struktur der norddeutschen Region verbessern: Etwa 1100 Beschäftigte sollen an der TUHH ihren Arbeitsplatz erhalten, womit sich die Hochschule zu einem der größten Arbeitgeber des Stadtteils mausern würde. Der rege Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft soll außerdem Arbeitsplätze in mittelständischen Betrieben sichern. Noch bei der Eröffnung der TU im vergangenen Jahr wies Sinn auf diese „Aufgabe aller Hamburger“ ausdrücklich hin. „Warum also“, fragt sich jetzt Justus Woydt von der TU, „soll nur die Behörde für Wissenschaft die Kosten tragen?“

Erfüllung „eigenständiger, gesamthamburgischer“ Ziele könne und dürfe nicht mit einer „schweren Erschütterung der Universität erkauft werden“, erklärte prompt der akademische Senator der Universität. Erschüttert reagierten die Geisteswissenschaftler, die allein am pädagogischen Institut auf etwa ein Drittel ihrer Lehrerschaft verzichten sollen. Unruhen an der Uni mochte ihr Präsident Fischer-Appelt nicht ausschließen.

Das Planziel der kommenden fünf Jahre – 4400 Geisteswissenschaftler weniger – ließ die Studenten bislang noch kalt. Während der Protestwoche auf dem Campus gegen die Bonner BaföG-Kürzungen kam der Hamburger Stellenkahlschlag thematisch nicht an. Vielleicht, so vermuten Sprecher der Universität, weil sich die Politik der Hamburger SPD schwerlich mit der „Rechtsregierung in Bonn“ erklären läßt.

Über das beabsichtigte Testament des Hansjörg Sinn freut sich Amtsnachfolger Klaus Meyer-Abich ebensowenig wie Leidtragende und Nutznießer des „Fünf-Jahres-Programms“. Für den Essener Professor, der im Juni seine Arbeit in der Hansestadt aufnehmen soll, legte das Sinnsche Denkmodell gleichwohl „ein Fundament, auf dem man weiterarbeiten kann“. Dörte Schubert