ARD, Sonntag, 27. Mai: „Unter deutschen Dächern“, Der Untergang der AG-Weser; Film von Günter Hörmann, Thomas Mitscherlich und Detlef Saurin

Sanfte und melancholische Bilder im Wechselspiel mit Schnappschüssen aus dem politischen Alltag: Hafenanlagen, Helgen und Docks leuchteten vor einem hellen nächtlichen Himmel und verwandelten sich, beim Morgengrauen, in tiefschwarze Silhouetten, während unmittelbar danach die Arbeiter auf dem Werftgelände ins Blickfeld gerieten. Zuerst die Zeitlosigkeit, widergespiegelt in Naturschauspielen, und dann der Tag und die signifikante Stunde: Die AG-Weser in Bremen schließt ihre Pforten, das Haus Krupp ist unzufrieden mit der Ertragslage, Arbeiter stehen auf der Straße.

Mit dem Blick auf Sterne und Wolken, den Fluß und die Kais beginnend und bei den Gesichtern der Entlassenen endend, wurde, in einem Prozeß zunehmender Annäherung, Konkretisierung und Vermenschlichung, der Untergang eines Unternehmens beschrieben. Drei Autoren, Hörmann, Mitscherlich und Saurin, stellten die letzten Tage von 2200 Männern dar, die, in einem Verzweifelungsakt, ihre Werft besetzt hielten und am Ende einsehen mußten, daß sie chancenlos waren.

Die Reden der Betroffenen, trotzige, stockende, wütende Reden, bewegend in ihrer Ratlosigkeit, sahen sich mit der phrasenreichen, von vorgestanzten Formeln bestimmten Ansprache des Wirtschaftsministers konfrontiert, und die wiederum gab den Verlautbarungen eines Mannes Profil, des Bremer Bürgermeisters, der in den vom Film erhellten Tagen (September 1983, unmittelbar vor den Wahlen in der Stadt) zwischen die Mühlsteine geriet: zwischen die Werftarbeiter, denen er helfen wollte, auf der einen und die Herren vom Krupp-Aufsichtsrat, ohne die er nichts ausrichten konnte, auf der anderen Seite.

Ein (nicht uncouragierter) Minister mit flinker Zunge; ein Bürgermeister, der Solidarität mit leeren Händen bekunden mußte: allein gelassen von den Unternehmern, und die Arbeiter von der AG-Weser: Das waren die Gegenspieler in einem Film von atemberaubender Dramatik. (Und großer Traurigkeit ohnehin.) Wie da der eine steckenblieb mitten im Satz, weil ihm die Worte fehlten, die das Gefühl, allein gelassen zu sein, angemessen hätten ausdrücken können; wie einem anderen die Tränen kamen, ein dritter kurzerhand abtrat (ach, es hat ja doch keinen Zweck), ein vierter aufbegenrte, ein fünfter Bilanz zog (Ich? Wieder Arbeit kriegen? Ja wo denn? Mann, ich bin über vierzig) und ein sechster Abschied nahm vom Fluß und den Docks und den Wegen am Hafen: Das wurde in der Form einer ruhigen, parteilichen und unfanatischen Ballade erzählt, ohne Sentimentalität, aber auch ohne heroisches Pathos.

Ein trauriger, jedoch kein resignativer, vielmehr durch seine Nüchternheit appellativ wirkender Film: Es steht nicht gut um die Schauerleute, wenn flinke Wendemanöver über das Wohl und Wehe der Belegschaft entscheiden: „Lambsdorff“, sagte ein Werftarbeiter, „springt von links nach rechts. Wir hier, wir können nur vom Hochhaus springen. Für uns ist es aus.“ Da kam plötzlich ans Licht, wie pointiert, scharfsinnig, menschlich, humorvoll und plastisch Menschen reden können, sobald sie in eigenem Namen und für die eigenen Belange plädieren.

Die Sentenz am Schluß (Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren) wäre nicht nötig gewesen: Was da auf die eingängige Formel gebracht wurde, brachten knappe, hier hoch- dort plattdeutsche Sätze weit besser zur Sprache: So, Lüd, dat wär’s nu ween -för dit mol. Momos