Ein „Mangelhaft“ dem Hamburger Schulsenator Joist Grolle dafür, daß er kampflos eine Gesamtschule schließen lassen will.

Sofern in sozialdemokratischen Gremien überhaupt noch von Bildungspolitik die Rede ist, kommt – und wenn es in der Monotonie tibetanischer Gebetsmühlen geschieht – die Forderung nach mehr Gesamtschulen. Ein Essential sozialdemokratischer Bildungspolitik, sollte man meinen.

Aber jetzt, angesichts des Schülerrückgangs, angesichts von Schulschließungen können auch Gesamtschulen in Existenznöte geraten. Sie müßten es nicht, wären alle so attraktiv wie die besten unter ihnen, hätten alle ein besonderes pädagogisches Profil, wären sie alle wirkliche Alternativen.

Man kann es der CDU in Berlin nicht verdenken, wenn sie mit Interesse den Ausverkauf der einen oder anderen Gesamtschule beobachtet. Eltern stimmen dann mit den Füßen gegen die Gesamtschule ab, wenn sie mehr mit einer monströs erweiterten Hauptschule als mit der ursprünglichen Gesamtschulidee gemein hat. Man kann auch von Gesamtschulen, die in der politischen Diaspora – in München oder in Nürnberg – liegen, nicht erwarten, daß sie zur vollen Blüte gelangen, wenngleich sie sich gut behaupten.

Aber wenn man Gesamtschulen nicht nur als deutsches Links-rechts-Problem, sondern im Blick auf Italien, England oder die USA nach wie vor als die Sekundärschule der Zukunft begreift (schon weil es unseren Erkenntnissen von Begabung widerspricht, Schulen an soziale Schichten zu binden), dann muß man von sozialdemokratisch regierten Ländern erwarten, daß Gesamtschulen in dieser Zeit pädagogisch deutlich profiliert werden. Das ist weniger eine Frage der materiellen Ausstattung, sondern der inneren Gestaltung.

Eine attraktive Gesamtschule ist überschaubar gegliedert, sie bildet kleine Schulen in der großen, läßt feste Gruppen aus Schülern und Lehrern zu und gewährt den Lehrern weitreichende Organisations- und Gestaltungsfreiheit. Sie verbindet allgemeine und berufliche Bildung, Kopf- und Handarbeit und ermöglicht den doppelqualifizierenden Abschluß. Ihre Lerninhalte haben viel mit der Lebenswelt von Schülern zu tun, sie arbeitet projektorientiert und bietet ihre Ressourcen (zum Beispiel die Werkräume) auch Eltern und Nachbarn an. Ihre Schüler kommen nicht nur aus einer sozialen Schicht, sondern spiegeln die Sozialstruktur wider. Sie fördert ohne Einbuße an Qualität ihre Schüler so, daß der Mechanismus der Auslese deutlich entschärft wird. Sie beschränkt möglichst die „äußere“ Differenzierung nach Leistungsniveaus. Sie unterstützt Schüler, Eltern und Nachbarn darin, eine Schulgemeinde zu bilden.

Eine wenig attraktive Gesamtschule sortiert ihre Schüler pro Fach in vier Leistungsniveaus und gleicht einem Verschiebebahnhof, weil der Tag durch die ständige Umschichtung von Schülern bestimmt wird. Sie perfektioniert das Fachlehrersystem so, daß die Kollegen der verschiedenen Fächer nicht mehr zusammenarbeiten können, dafür aber zwei- bis dreihundert Kinder pro Woche unterrichten müssen. Sie ist zehnzügig und schafft keine selbständigen Untereinheiten. Sie behandelt Eltern (jenseits der Gremien) und Nachbarn als „schulfremde Personen“. Sie reduziert den Projektunterricht auf ein oder zwei Tage pro Jahr, weil er die 50-Minuten-Stunden und die Anschlüsse (die folgenden) Stunden mit den jeweils neu gruppierten Schülern) gefährden würde. Sie nimmt im wesentlichen nur Schüler mit Hauptschulempfehlung auf. Sie schiebt die Auslese lediglich auf (beispielsweise wie in Berlin) – bis zum Ende der zehnten Jahrgangsstufe, einer großen Hürde vor der gymnasialen Oberstufe.