Von Horst-Dieter Kreidler

Orwell und Coubertin – auch das noch! Indessen: Es liegt nahe, daß sich mit diesen beiden Namen aus aktuellem Anlaß eine Kennzeichnung des olympischen Sports 1984 verbindet. Die Namen stehen dann freilich auch für Aufstieg und Verfall – Verfall des Sports in eine fortschreitende Entfremdung: durch die Aufgabe der Identität des einzelnen Athleten, durch sein Aufgehen im Großen Bruder Nation, im Großen Bruder Sponsor.

Am englischen Schulwesen, vor allem im Internat von Rugby, hatte der junge Baron de Coubertin einst die Möglichkeiten der Breitenwirkung des Sports studiert, das Miteinander junger Menschen aus verschiedensten Schichten. Als Pädagoge, dem es um die Erziehung aller Kinder, um eine Entfaltung auch außerhalb des Wirkungsbereichs der Alten Sprachen ging, erkannte er in der einfachen Struktur des Sports die Möglichkeit, alle Menschen, besonders junge Menschen, in ihrer Bewegungsfreude anzusprechen. Er sah den Demokratisierungseffekt des Sports in einem elitären, bildungsbürgerlichen Erziehungssystem.

So zielte die Erneuerung der olympischen Idee durch Coubertin vor allem dahin, daß junge Menschen aus allen Ländern und aus allen Ständen sich zum sportlichen Wettkampf einfinden, daß alle dabeisein sollten.

Dabeisein ist alles? Wir mokieren uns heute über diesen Leitgedanken des Olympiers, stellen diesen gar in die elitäre Ecke des Bildungsadels. Darin äußern sich Unkenntnis und ein offenbar unausrottbares Mißverständnis. Schließlich sind wir es, die sich entlarven, wenn wir mitleidig belächeln, daß sie dabei sind: der Dreißig-Minuten-Bummler unter den 27.30-Minuten-Tempobolzern in der 10 000-Meter-Konkurrenz, der Sieben-Meter-Hüpfer unter den 8,30-m-Hitchkick-Athleten, der Zwei-Meter-Springer unter den 2,30-m-Flop-Akrobaten. Exoten nennen wir jene Zukurzgekommenen aus aller Herren Ländern, finden ihr Bemühen rührend, weil wir nur noch ein Bezugssystem dafür haben, eine Richtgröße: die absolute Höchstleistung.

Coubertin war zunächst Pädagoge, er wollte eine Lerngelegenheit und ein Erlebnisfeld für alle jungen Menschen schaffen, eben im Sport, und er wollte diesen Demokratisierungseffekt durch die Olympischen Spiele an alle Nationen weitergeben. Die tragische Ironie seiner Intention liegt in Coubertins zutreffender Kennzeichnung des Sports selbst begründet: schneller, höher, weiter. Indem er den Komparativ als Wesensmerkmal angab, hatte er im Miteinander den Keim auch zum Gegeneinander gelegt, im Wettstreit der vielen gleichen Teilnehmer den Weg zur Auseinandersetzung der wenigen Spitzenathleten bereitet.

Das ursprünglich pädagogische Anliegen ist durch das Wesensmerkmal der Sache selbst zum Zerrbild geworden. Nicht das Friedensfest fasziniert, sondern die Nationenwertung; die Menschen schauen nicht mehr nur auf die einzelnen Sportler, sondern vor allem auf den Medaillenspiegel. Er gilt als eine Art Gütesiegel der Nation.