Von Michael Jungblut

Arbeitskämpfe haben ihre Rituale. Zu den unvermeidlichen Beschwörungsformeln eines jeden Sozialkonflikts in der Bundesrepublik gehört der Satz „Streiks sind kein nationales Unglück“. Das ist richtig und falsch zugleich. Richtig ist es, in einem so streikunerfahrenen Land vor unnötiger Dramatisierung zu warnen. Falsch ist es, Streiks und Aussperrung als ganz normale Ereignisse darzustellen. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft, die nur funktionieren kann, wenn jeder seinen Beitrag leistet, ist jede Form organisierter Arbeitsverweigerung ein ernster Störfall.

Unter den heutigen Lebensbedingungen wird deshalb beim Streik die Grenze zur sozialen Erpressung sehr rasch überschritten. Dies gilt besonders dann, wenn zur Durchsetzung bestimmter, Forderungen lebensnotwendige Dienste wie die Gas-, Wasser- und Stromversorgung gestört, wenn wichtige Verkehrs- und Kommunikationsnetze unterbrochen werden oder die Müllabfuhr lahmgelegt wird. Schon läßt die ÖTV-Chefin Wulf-Mathies entsprechende Drohungen hören – nicht um eigene Forderungen durchzusetzen, sondern vor allem, um der IG Metall aus der Sackgasse zu helfen, in die sie durch eigenes Verschulden geraten ist.

Streiks und Aussperrung sind aber auch deswegen keine stinknormalen Ereignisse, weil an Stelle vernünftiger Gespräche und sachlicher Argumente Parolen treten; weil an Stelle eines angemessenen Interessenausgleichs schließlich das Recht des Stärkeren tritt und den Ausgang des Konflikts bestimmt; weil Entscheidungen, die für die Zukunft dieses Landes von eminenter Bedeutung sind, nicht nach sorgfältiger Abwägung aller Gesichtspunkte, sondern in einer emotional aufgeladenen Atmosphäre getroffen werden; weil schließlich die eigenen Interessen der kämpfenden Organisationen Taktik und Prestigeüberlegungen viel wichtiger erscheinen lassen als das Schicksal der Betriebe und ihrer Arbeitnehmer.

Daß aus dem Streit um die Arbeitszeitverkürzung entgegen allen Beschwörungsformeln schließlich doch ein nationales Unglück werden könnte, sobald die Auseinandersetzung nicht mehr allein am Verhandlungstisch, sondern auch auf der Straße stattfinden würde, war von vornherein zu befürchten. Gründe für diese Sorge – deren Berechtigung von Tag zu Tag deutlicher wird – gibt es genug:

  • Ohne Emotionen läßt sich kein Arbeitskampf führen, mit nüchternen Argumenten allein kann keine Massenorganisation ihre Basis mobilisieren. Dies gilt diesmal in besonderem Maße, weil der Ruf nach der 35-Stunden-Woche selbst bei Gewerkschaftsmitgliedern nur auf mäßige Begeisterung stößt. Deshalb müssen die Funktionäre nun besonders kräftig auf die Pauke hauen, um ihre Truppen trotz hoher materieller Opfer bei der Fahne zu halten. So werden nicht nur alle die bösen Parolen aus der Mottenkiste des Klassenkampfes hervorgekramt, gleichzeitig wird auch der Gegner mit einer Bedenkenlosigkeit verteufelt, die erschreckend ist. Machen sich die Verantwortlichen in der Gewerkschaftsbewegung denn gar keine Gedanken mehr darüber, welchen Geist sie da beschwören? Die planmäßige Vergiftung des sozialen Klimas könnte politische Folgen haben, die sich auch bei den Gewerkschaften niemand wünschen kann.
  • Schon vor Beginn der heißen Phase haben sich zu allem Unglück auch noch die Politiker höchst parteiisch eingemischt. Sie gossen Öl ins Feuer statt auf die Wogen. Kanzler Kohl nannte den Ruf nach der 35-Stunden-Woche „dumm und töricht“ – ein Urteil, das voll auf sein eigenes Verhalten in dieser Auseinandersetzung zurückfällt. Der Bundeswirtschaftsminister tat sich durch polemische Gewerkschaftsschelte hervor. SPD-Chef Brandt biedert sich jeden Tag aufs neue bei den Gewerkschaften an, deren Forderungen er kritiklos unterstützt. Kurt Biedenkopf verhielt sich da klüger. Er griff nicht ins Handgemenge ein und qualifizierte sich dadurch als Schlichter.
  • Die Tarifparteien haben ihre Ausgangspositionen so zementiert, daß damit der Weg zu einem Kompromiß herkömmlicher Art verbaut ist: Die Arbeitgeber wollen die 40-Stunden-Woche in jedem Fall erhalten; die IG Metall und Druck wollen sie unter allen Umständen aus dem Tarifvertrag herausstreichen. Das macht es außerordentlich schwer, einen Weg zu finden, der nicht zur totalen Niederlage einer Seite führt.

Allerdings ist jetzt ein Punkt erreicht, an dem die Überlegung in den Hintergrund treten muß, wie der IG Metall geholfen werden kann, ihr Gesicht zu wahren. Der Streik droht immer mehr außer Kontrolle zu geraten und dabei Schäden anzurichten, die nicht mehr hingenommen werden können. Wer einen wochenlangen Streik führt, um eine wirtschaftlich völlig unsinnige Forderung durchzusetzen und ohne Rücksicht auf die Opfer dieses Arbeitskampfes stur an seinem Ziel festhält, verspielt irgendwann das Recht auf Rücksichtnahme.

Die Vorstellung, durch drastische Erhöhungen der Lohnkosten – und nichts anderes bedeutet die Forderung nach genereller Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich – ließe sich die Zahl der Arbeitsplätze vermehren, ist absurd. Das Gegenteil wird eintreten. Niemand kann verlangen, daß das ganze Land in ein solches Abenteuer getrieben wird, nur damit die Funktionäre sich nicht blamieren. Eine Schwächung der Gewerkschaften wäre alles andere als wünschenswert – aber eine Schwächung der gesamten Wirtschaft wäre ein zu hoher Preis dafür, dies zu verhindern.