Ich habe nicht genug Phantasie, um etwas zu erfinden", sagt Renate Welsh über sich selbst. "Daher sind meine Geschichten nicht er-, sondern gefunden."

Als ob zum Schreiben gefundener Geschichten nicht auch Phantasie gehörte! Keine fantasy, nein, vielleicht liegt hier die Abgrenzung. Zur sozialen Phantasie nämlich, zum behutsamen Aufzeigen möglicher Wege, zur Sensibilität, die sich auf den Umgang mit Menschen und den Umgang mit Sprache bezieht.

In der Erzählung –

Renate Welsh: "Wie in fremden Schuhen"; Verlag Jungbrunnen, Wien, München; 141 S., 14,80 DM

werden sorgfältige Recherche und unmerkliche Dokumentation verknüpft. Trotzdem bleibt der Text Erzählung.

Es ist nichts Gewaltiges, was hier, geschieht. Es ist ein Problembuch im besten Sinn, ohne eindimensional zu sein, was der Gattung Verdruß und Überdruß eingebracht hat.

Die dreizehnjährige Claudia sucht und findet ihren Vater; nein: es ist kein Vater-Tochter-Buch. Auch kein Frauenbuch, trotz vielfältiger weiblicher Beziehungsmuster, und keine Pubertätsdarstellung. Was dann? Das Buch ist all dies – aber noch mehr. Es geht um Tod und Geburt, um Männer und Frauen, um Einsamkeit und Geborgenheit. Es ist ein Stück Leben, ein Stück Erwachsenwerden, und vor allem ist der Text Literatur. Ohne die Sprachebene der Hauptfigur (und damit des jungen Lesers) zu durchbrechen, gelingt Renate Welsh eine hinreißend schöne Prosa. Kein Wort ist zuviel, das Wichtigste steht zwischen den Zeilen, Interpretationen werden nicht mitgeliefert. Gleichzeitig ist es ein engagiertes Buch, dessen Aussage sich dem Leser in aller Klarheit erschließt. (Der Negativfigur des Vaters hätte es dazu vielleicht gar nicht bedurft.) Selbst als nach der Begegnung zwischen Vater und Tochter nicht einmal mehr Enttäuschung bleibt, sind die Töne der Autorin leise genug, um Peinlichkeit auszuschließen.