Afrikas Dürrekatastrophe – am Beispiel Äthiopiens / Von Günther Mack

Addis Abeba, im Juni Die Straße windet sich hinunter ins Borkana-Tal im Norden der äthiopischen Provinz Wollo. Fünfzig Kilometer lang, bis zu zwanzig Kilometer breit, zu beiden Seiten von rundkuppigen Dreitausendern gesäumt, dehnt sich der Talboden. Gewöhnlich ist er versumpft und steht unter Wasser. Jetzt aber ist der Boden trocken und rissig, der Fluß ein Rinnsal.

Soweit der Blick reicht, drängen sich Viehherden in dem zu eng gewordenen Tal – 750000 Stück, so schätzen Einheimische. Die Afar-Nomaden sind in das Gebiet eingefallen. Wenn Gras und Wasser im heißen Steppen-Tiefland knapp werden, schicken sie erst die Kühe und Schafe, dann die Ziegen, schließlich die Kamele ins immergrüne Borkana-Tal. Sonst bleiben die Nomaden drei Wochen und ziehen sich dann in ihre Weidegründe zurück. In diesem Jahr sind sie schon sieben Monate da.

Der Regen im Tiefland blieb aus. Der ehemals grüne Borkana-Sumpf ist bis auf die dürren Wurzeln abgegrast. Der warme Abendwind treibt Verwesungsgestank vor sich her. Im Abstand nur weniger Meter liegen Gerippe, Kadaver und Tiere, die schon zu schwach sind, um noch flüchten zu können, Schaum vor den Nüstern. Das Vieh stirbt bei Dürrekatastrophen nicht an Durst, sondern an Hunger und Schwäche. Die Geier sind rund wie Weihnachtsputer; sie gehen die kurzen Wege zu ihren Freßplätzen zu Fuß. Und zwischen der stillen Katastrophe der Tiere leben in Notzelten die Menschen. Stirbt das Vieh, dann können auch die Nomaden nicht länger leben. Hilft denn niemand?

„Bloß nicht! Ums Himmelswillen hier nicht auch noch sogenannte Hilfe!“ Das sagt ein Mann, der seit Jahren in Äthiopien lebt, um bei Hungerkatastrophen zu helfen. „Die Herden wachsen im Rhythmus von fünf bis sieben Jahren, bis sie ihre Existenzgrundlage weggefressen haben. Wenn nicht genügend Tiere verrecken, haben Nomaden und Herden und Weiden keine Chance, zu regenerieren. Wenn jetzt noch eine mildtätige deutsche Gemeinde einen Tiefbrunnen samt Dieselaggregat spendet, dann sieht es im Tiefland bei den Afars bald so aus wie im Borkana.“

Der Mann gehört zur zweiten Generation der Entwicklungshelfer. Was so zynisch klingt, ist nur die Einsicht, daß wenig die in Jahrtausenden gefundene Balance zwischen Menschen und Natur rabiater aus dem Gleichgewicht bringt als importierte, unangepaßte Humanität. Hilfe als Element der Umwelt Zerstörung; Hungerkatastropen die Quittung für menschliches Fehlverhalten?

Von Mauretanien an der Atlantikküste bis Somalia am Horn von Ostafrika die gleichen Bilder: Auf 5000 Kilometer ausgezehrte Menschen auf ausgedorrtem Land, das vergeblich auf die Regenzeit wartet. In 24 afrikanischen Ländern, sagt die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft, FAO, sind 15o Millionen Menschen von Hunger bedroht. Man kann diese Zahl bezweifeln und 15 Millionen für realistisch halten. Nicht zweifelhaft ist, daß zehn Jahre nach der großen Dürre in der Sahelzone Afrika schon wieder Opfer seines Klimas zu werden droht – trotz aller Vorkehrungen, die seit 1973 getroffen wurden. Allein in den acht unmittelbar zum Sahel zählenden Ländern (Kapverden, Mauretanien, Senegal, Gambia, Obervolta, Mali, Niger, Tschad) sind seit 1973 fast acht Milliarden Dollar für Programme gegen die Dürre ausgegeben worden. Der Löwenanteil freilich floß in Straßen, Dämme, Kliniken, Büros und Bürokraten; weniger als fünf Prozent blieben übrig für den unmittelbaren Kampf gegen die Ver-Wüstung bislang bestellten Landes. Und wieder bitten die Regierungen der betroffenen Länder um Hilfe. Karitative Organisationen bestätigen: Die Dürre ist in manchen Regionen ausgeprägter als vor zehn Jahren.