Ein so trister Anblick hat sich den deutschen Fernsehzuschauern lange nicht mehr geboten wie an jenem Dienstag der vergangenen Woche, als die Delegationschefs in Stuttgart vor der Kamera eingestehen mußten, daß ihre Verhandlungen über die Beilegung des Arbeitskampfes in der Metallindustrie gescheitert sind. Trotz stundenlanger Gespräche waren die Vertreter der Arbeitgeber und Gewerkschaften nicht in der Lage, auch nur die Richtung zu definieren, in der ein für beide Seiten tragbarer Kompromiß liegen könnte.

Unter den Folgen müssen nun Hunderttausende leiden – nicht nur in unserem Land. Betroffen sind auch viele Firmen und ihre Arbeitnehmer in Belgien, Österreich, der Schweiz oder wo auch sonst immer Kunden und Lieferanten der vom Streik gelähmten deutschen Unternehmen sitzen.

Der Staat verliert Steuern und Sozialabgaben in bisher noch unbekannter Millionenhöhe und muß möglicherweise gleichzeitig Millionen als Sozialhilfe an die Opfer der Auseinandersetzung zahlen, die dadurch in finanzielle Not geraten.

Die Einbußen, die Handel, Gaststätten und andere Branchen erleiden, führen dort ebenfalls zu einem Rückgang von Einkommen und Beschäftigung. Das ist die Folge davon, daß in zahlreichen Familien aus Angst vor der Zukunft der Konsum gedrosselt wird und daß Zehntausende von ausgesperrten oder streikenden Arbeitnehmern entweder ganz auf Lohn verzichten müssen oder nur einen Teil ihres bisherigen Einkommens aus der Streikkasse erhalten.

Zwar sind viele der zu einer Zwangspause verurteilten Unternehmen bereit, Vorschuß auf den späteren Lohn zu zahlen, andere geben ihren Mitarbeitern bezahlten Urlaub. Aber das bedeutet dann, daß die Zwangsurlauber die „schönsten Tage des Jahres“ nicht irgendwo an einem sonnigen Strand verbringen können, sondern statt dessen in diesen verregneten Wochen ihre Tage untätig zu Hause absitzen müssen – solange, bis die Gewerkschaftsfunktionäre endlich bereit sind, von ihren überzogenen Forderungen abzurücken.

Dabei hätte es durchaus Möglichkeiten für einen Fortschritt gegeben. Wäre die Führung der IG Metall nicht so starr und einseitig auf eine generelle Verkürzung der Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich fixiert, hätte sie ausloten können, was sich Gesamtmetall unter dem Stichwort „flexible Arbeitszeit“ noch alles abhandeln läßt. Hier ist nämlich in der Abwehrfront der Arbeitgeber eine Lücke, die sich durchaus noch erweitern läßt.

Zwar haben die Unternehmer bisher immer nur davon gesprochen, daß sie im Rahmen flexibler Lösungen für „bestimmte, besonders belastete Gruppen von Beschäftigten“ die Arbeitszeit senken wollen. Aber das ist schließlich eine – zugunsten der Arbeitnehmer – dehnbare Formulierung. Schon jetzt bezieht sich das Arbeitgeberangebot auf eine halbe Million Schichtarbeiter. Würde die IG Metall weniger an die Interessen ihrer Organistion, an ihre „Beschlußlage“ und andere Funktionärsinteressen und mehr an die Bedürfnisse der Arbeitnehmer denken, dann hätte sie dieses Angebot von Gesamtmetall durchaus in ihrem Sinne ausweiten können.