/ Von Dietrich Strothmann

Die Zeit, heißt es im Volksmund, heilt alle Wunden. Diesen Sommer will die Berliner Anklagebehörde ein neues NS-Verfahren in Gang setzen. Kommt es zustande, wird es das letzte große seiner Art sein – das Verfahren gegen noch lebende Richter des "Volksgerichtshofes". Doch die wenigen, die noch beschuldigt werden können, an unrechtmäßigen Todesurteilen dieser Mordmaschine im Tarnkleid der Justiz mitgewirkt zu haben, werden aller Voraussicht nach straffrei bleiben, schon ihres Alters wegen. Sie haben bereits die achtzig erreicht. Entweder wird ihnen, kommt es tatsächlich zu einem Prozeß, bald bescheinigt werden, sie seien verhandlungsunfähig, oder sie werden, sollten sie tatsächlich verurteilt werden, für haftunfähig erklärt. –

So, wie auch jene Euthanasie-Ärzte unbehelligt geblieben sind, die sich, mit Gefälligkeitsattesten ihrer Kollegen versehen, aus dem Gerichtssaal stehlen und anschließend jahrelang unbeanstandet praktizieren konnten. So, wie der Auschwitz-Arzt Joseph Mengele oder der Eichmann-Mitarbeiter Alois Brunner, die noch immer als freie Bürger im ausländischen Exil leben, bereits über 70 Jahre alt sind und deshalb von jeder Verfolgung verschont bleiben werden. So, wie der Gaswagen-Erfinder Walter Rauff, der seit 1958 in Chile Geschäfte machte und vor kurzem an Lungenkrebs gestorben ist.

Durch die Maschen

Wenn es oft vorwurfsvoll hieß, die Mühlen der deutschen Justiz mahlten zu langsam, so gibt es auch genügend Fälle, die belegen, sie mahlten vergeblich. Die meisten Verfahren, die seit 1958 in der Ludwigsburger "Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen" eingeleitet und den zuständigen Staatsanwaltschaften zur weiteren Ermittlung und Anklageerhebung übergeben wurden, mußten aus den bekannten Gründen eingestellt werden: Die Beweise reichten nicht aus, Täter und Zeugen waren inzwischen gestorben, die Vorwürfe waren zu geringfügig.

Sollte etwa nach vierzig Jahren noch jener Lokomotivführer vor Gericht gestellt werden, der seinen Viehwaggon-Zug nach Birkenau lenkte, jener Streckenwärter, der die Weiche in Richtung Treblinka umstellte? Konnte jener Gestapo-Sekretärin der Prozeß gemacht werden, die einen Getto-Räumungsbefehl auf der Schreibmaschine abtippte, jenem Angehörigen einer Wachmannschaft, der das Gelände vor einer Erschießungsgrube absperrte, jener Krankenhausschwester, die dem Euthanasie-Arzt die Giftspritze aufzog?

Unter den 500 000 Dokumenten und 1,3 Millionen Karteikarten, die in dem Ludwigsburger Archiv bisher gesammelt wurden, befinden sich nicht nur die Namen jener rund 3600 "Einsatzorte" des Massenmordes und seiner nahezu 80 000 Täter, registriert wurden dort auch jene Untaten, die nicht "justitiabel" sind: die Liquidierung der polnischen Intelligenz in den Monaten September bis Dezember 1939, die Geiselerschießungen, die Tötung von polnischen Zivilisten, Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und Gefängnisinsassen kurz vor Kriegsende.