/ Von Cordt Schnibben

Vor einer Stunde hat Mister Brown den ersten Anruf bekommen. Im Hamburger Karolinenviertel sollen zwei von den Champs einen von den Streetboys zu Brei geschlagen haben. Kurz danach klingelt es wieder. Ein Champ ist dran. In der Bild-Zeitung stehe ein Interview mit einem Destroyer. Der soll gesagt haben: "Die Champs und die Streetboys, das sind feige Schweine, die hauen wir weg." Mister Brown weiß, was das bedeutet. Er steht vom Schreibtisch auf, zieht sein dunkles Jackett über, setzt sich ins Auto und fährt los.

"Ganz schnell weglaufen – die Streetgangs kommen", steht über dem Bild- Artikel. Und im Text heißt es: "Der neue Terror auf unseren Straßen. Es sind Schüler, Lehrlinge, Arbeitslose, die sich gegenseitig auf die Köpfe schlagen und auch harmlose Passanten angreifen." Die Kriegserklärung der Destroyers an die anderen Gangs stamme von "Roggi" – schreibt Bild. Doch Roggi gibt es gar nicht bei den Destroyers. Und den angeblich von ihm stammenden provozierenden Satz hat die Zeitung vor einem Jahr schon mal gebracht. Stimmungsmache.

Die Destroyers erwarten, daß die Streetboys sie nun aufmischen wollen. Und auch die Champs rechnen mit einem unruhigen Wochenende. Mister Brown soll für Ruhe sorgen. Für 21.30 Uhr hat er die Gangs zu den "Heißen Rädern" auf dem Jahrmarkt bestellt. Jetzt, um 19 Uhr, hat er fünf von den Champs zusammengesucht und braust mit ihnen nach Hamburg-Harburg – dort ist das Gebiet der Destroyers.

Hamburg ist – wie auch Frankfurt, Berlin und München – unter Straßengangs aufgeteilt. "Wie ein Hund sein Revier hat, so haben wir Billstedt", sagt ein Champ. Rund 25 Gruppen "besitzen" jeweils einen eigenen Stadtteil oder wenigstens den Teil eines Stadtteils. In mancher Gang sind nur fünfzehn oder zwanzig Jugendliche, doch sie kann bis auf hundert Jungs anwachsen. Dann, wenn eine große Schlägerei ansteht.

Das vollgeladene Auto hat die Grenze von Harburg erreicht. Mike*), ein Champ mit rotem Stirnband, zeigt aus dem offenen Fenster auf die vorbeisausenden Mietskasernen. "Ay, hier, die Baracken der Destroyers, wie in der Bronx." Alle johlen. Keiner von ihnen war natürlich je in der Bronx. Aber sie kennen das New Yorker Elendsviertel aus den Spielfilmen über ihre Vorbilder, die amerikanischen Straßenbanden. Alles, was irgendwie dreckig und häßlich aussieht, heißt seither Bronx.

Der Wagen hält vor dem Harburger Haus der Jugend, Mister Brown und die Jungs steigen aus. Im Innern des Hauses wird es hektisch. "Achtung, die Champs kommen!" Die Fenster gehen zu, drei Sozialarbeiterinnen schließen die beiden Glastüren und stellen sich davor. "Was wollt ihr hier?" – "Mit den Destroyers sprechen." – "Hier ist heute Disco, macht keinen Ärger." Hinter der Tür haben sich die Destroyers grinsend aufgebaut. Alle tragen grüne Fliegerjacken, weite Jogging-Hosen und weiße Turnschuhe. Einige winken fröhlich, andere mustern cool die paar Champs. Die Sozialarbeiterinnen einigen sich darauf, den Chef der Destroyers rauszulassen.