Der Regierungschef war verstimmt. Zwar hatte er sich auch an diesem Morgen richtig aufs Regieren gefreut – doch dann war sein Blick über die versammelte Regierungsmannschaft gewandert, und schon hatte wieder jemand die gute Laune des Herrschers gründlich gestört. Etwas abseits stand jener Mann, hager, bitter, die Stirn von düsteren Gedanken umwölkt. „Wär’ er nur fetter!“ dachte der Regierungschef – und wandte sich verdrossen den Regierungsgeschäften zu.

Wir sind, der Leser hat es längst erraten, nicht im trüben Bonn, sondern im alten Rom. Nicht Helmut Kohl spricht, sondern Gaius Iulius Caesar: „Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein / Mit glatten Köpfen und die nachts gut schlafen / Der Cassius dort hat einen hohlen Blick / Er denkt zu viel: die Leute sind gefährlich.“

Ein sonderbarer Auftritt. Denn abgesehen von der Tatsache, daß Caesar selber (was wir nicht von William dem Europameister, sondern von Asterix dem Gallier wissen) keineswegs dem eigenen Ideal entsprach, abgesehen auch von der empörenden, ganz und gar unerträglichen Gleichsetzung von dick und aoof, dünn und gefährlich – die Szene gibt uns heute, gerade heute, einiges zu denken.

Caesar, behaupte ich, würde heute anders denken. Schließlich war er Schriftsteller, also wohl Ästhet. Lebte er heute in Bonn – das Loblied auf die wohlbeleibten Männer käme nicht mehr über seine Lippen. Denn statt auf rosige Herren, deren Leibesfülle von weiten Togen und Tuniken sanft umspielt wird, fiele sein Caesaren-Blick heute unweigerlich auf einen ganz banalen Knopf; jenen Knopf, der das Jackett des deutschen Mannes (meist gewaltsam) zusammenhält – und wieder wäre des Diktators Laune empfindlich gestört.

Die Farce folgt einer simplen Dramaturgie. Eine Anstandsregel ist ihr Gesetz: Beim Gehen und Stehen nämlich muß des Mannes Jackett geschlossen, beim Sitzen darf es geöffnet sein. Also laufen, weil die deutsche Schneiderkunst auch nicht viel besser ist als die deutsche Politik, über die Bonner Bühne lauter seltsam beengte, in ihre guten Anzüge heillos eingezwängte Hauptdarsteller. Der Knopf hält, unter sichtbaren Mühen – doch was er eigentlich verbergen soll (des Staatsmannes Bauch), das macht er erst recht unübersehbar. Er soll für Ordnung sorgen, vielleicht sogar für Eleganz – und bringt nur Atemnot und Pein. Und eine tiefe Sehnsucht nach Befreiung.

Die ist immer dann nahe, wenn ein Stuhl, eine Couch, eine Sitzecke ins Blickfeld kommt. Wie in Trance greift dann der deutsche Mann zum Jackett, öffnet den Knopf und läßt den Dingen ihren freien Lauf. Lange freilich dauert solches Wohlbefinden selten – denn schon eilt ein neuer Gast herein, der Gastgeber muß aufspringen, die Rechte des Gastes schütteln (mindestens eine Minute, die Kamera läuft) und, mit der Linken (gleichsam freihändig – blind) nach dem bewußten Knopfe tasten, um das peinlich offenstehende Jackett zu schließen. Das gelingt nicht immer mit Grazie – und so verwandelt sich eine doch wohl feierlich gedachte Staats-Szene, unter der Diktatur des Knopfes, in einen wunderlichen Slapstick, in ein fortwährendes Aufknöpfen, Zuknöpfen, Fummeln, Nesteln.

Es ist in dem befremdlichen Ritual unschwer die Nachwirkung jener mütterlichen Imperative zu erkennen, die da hießen: Kind, zieh dich warm an! (also Jackett!), Kind, zieh dich ordentlich an! (also Knopf zu!). Man kann, ohne den Knopf überinterpretieren zu müssen, auch in dieser Winzigkeit so etwas wie ein deutsches Dilemma erkennen: unsere Unfähigkeit zur Eleganz genauso wie zur Lässigkeit. Der Knopf repräsentiert die gute Ordnung – doch darunter wölbt sich drohend die Anarchie. Dabei wäre alles so einfach: eine gute Figur müßte man haben, einen guten Schneider oder auch nur ein gutes Gewissen. Einfach herzeigen, was man hat, dein Bauch gehört dir! Doch das ist in einem Land, wo pfälzische Wurstplatten einerseits und österreichische Fastenkuren andererseits Themen von nationalem Interesse sind, wo die Lust aufs Essen und die Scham über die Folgen der Lust so innig verbunden sind wie nirgendwo sonst, reine Utopie.