Die Ernennung des westfälischen CDU-Vorsitzenden Kurt Biedenkopf zum Vermittler zwischen den streitenden Tarifparteien des Druckgewerbes hat im weiteren politischen und tariflichen Umfeld gleichermaßen Verwirrung und böses Blut erzeugt. Böse Worte über den eigenwilligen CDU-Politiker hört man vor allem aus dem Arbeitgeberlager anderer Tarifbereiche. Da sei, sagen die einen, dem stellvertretenden IG-Druck-Vorsitzenden Detlef Hensche ein „guter Schachzug“ gelungen.

Andere werden noch direkter: Dieses Engagement werde man Biedenkopf schon noch spüren lassen – genannt wird dabei auch Biedenkopfs hoch angesehenes „Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik“ (IWG) in Bonn, dem man womöglich Forschungsaufträge vorenthalten könne. Das sind Schläge unter die Gürtellinie, erklärlich allenfalls aus der überreizten Stimmung eines überdehnten Arbeitskampfes. Aus der Druckbranche selbst, deren Arbeitgeber ja dem Vermittler Biedenkopf zugestimmt haben, hört man solche Bosheiten freilich nicht.

Genährt wurde die Mißstimmung nicht zuletzt durch einen im stern veröffentlichten Artikel des Biedenkopf-Mitarbeiters Meinhard Miegel, der das IWG leitet und weit über Bonn hinaus seit langem als kluger Kopf mit eigenwilligen Ansichten zu vielerlei gesellschaftspolitischen Fragen ausgewiesen ist. Miegel hat in diesem Artikel eine Verkürzung der Arbeitszeit als „eine notwendige Operation“ bezeichnet – das könnte den Gewerkschaften wohl gefallen, spräche er nicht zugleich auch für flexible Lösungen und gegen den von den Gewerkschaften geforderten Lohnausgleich. Jedenfalls wird Biedenkopf mit den Ausführungen seines Mitarbeiters zumindest teilweise identifiziert.

Dabei ist es eigentlich eine eher unwichtige Frage, ob ein Vermittler im Arbeitskampf gedanklich eher der einen oder der anderen Seite zuneigt. Entscheidend ist, daß er als vermittlungsfähig angesehen wird – und daß die beiden Tarifparteien fähig sind, sich überhaupt auf einen Vermittler zu einigen. Die beiden Seiten in der Metallindustrie haben diese Fähigkeit bislang nicht erkennen lassen. Die Borniertheit der Unterhändler scheint dort besonders weit gediehen zu sein.

Während es lange Zeit als sicher galt, daß es zunächst in der wirtschaftlich viel wichtigeren Metallindustrie zu einer Tarif-Einigung kommen werde, der sich sodann auch die Druckindustrie anschließen werde, weckte die Übernahme der Verhandlungs-Regie durch Biedenkopf bei manchem Unternehmer die Sorge, daß das Gegenteil der Fall sein könnte. Die Tarifparteien der Druckindustrie würden dann eine Entscheidung präjudizieren, der die ganz anders gelagerte Metallindustrie mit ihrer starken Exportorientiertheit kaum folgen könnte.

Die Überlegung, wie es weitergehen könnte, beunruhigt längst auch das Bundeskabinett. Maßgebliche Mitglieder – keineswegs nur Bundesarbeitsminister Norbert Blüm – sehen in der zunächst zwar gerade noch vermiedenen Ausweitung der Aussperrung von Arbeitnehmern etwa auf Bayern und Nordrhein-Westfalen eine rechtlich zumindest fragwürdige und politisch gefährliche „Angriffeaussperrung“; diese Sorge teilt unter anderem der frühere Präsident des Bundesarbeitsgerichts, Gerhard Müller. Selbst wenn solche Sorgen eher vertraulich geäußert werden, lassen sie doch auch dies erkennen: Die Distanz der Bundesregierung zu den Arbeitgebern im aktuellen Arbeitskampf ist größer, als es das Geplapper einzelner Bonner Politiker vermuten lassen könnte und als es Kritiker dieser Regierung gelegentlich verbreiten.

Während sich das Gewitter des Arbeitskampfs in der Druck- und in der Metallindustrie noch längst nicht verzogen hat, kündigt sich bereits ein neues an: Im öffentlichen Dienst wird zwar erst in einem knappen Vierteljahr über neue Tarife gesprochen werden, doch schon jetzt ist gespannte Erwartung spürbar. Diese Erwartung gilt nur zu einem Teil dem Umstand, daß auch die Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) unter ihrer Vorsitzenden Monika Wulf-Mathies eine kürzere Arbeitszeit fordert. Als wichtiger fast noch gilt die Frage, was aus der vom Staat proklamierten „Nullrunde“ für den öffentlichen Dienst in diesem Jahr werden könnte.