ZDF, Sonntag, 3. Juni: „Rekonstruktionen – Entscheidung am Atlantikwall“; Montag, 4. Juni: „Der längste Tag“; Mittwoch, 6. Juni: „Landung in der Normandie“; ARD, Mittwoch, 6. Juni: „D-Day“, 40. Jahrestag der Landung der Allierten, Eurovisionssendung des französischen Fernsehens

Das Fernsehen bleibt jubiläumsfreundlich: Nicht nur die Fünfhundert-, Zweihundertfünfzig-, Hundert- oder Fünfzigjahrfeiern werden mit Pomp und etlichen Millionen begangen, auch die Zahl vierzig ist schon eine Jubelwoche wert. Entscheidung am Atlantikwall, Der längste Tag, Landung in der Normandie (Live-Übertragung von den Feiern zum vierzigsten Jahrestag der alliierten Invasion in Frankreich), D-Day (Eurovisionssendung des französischen Fernsehens): Von Sonntag bis Mittwoch ein Gala-Festival auf allen Kanälen – ein televisionäres Spektakel, dargeboten in teils blumiger, teils markig-nüchterner, auf jeden Fall aber heroischer Sprache: Bewährungsprobe! Dramatik! Kampfmaschinen in voller Aktion! Heißer Empfang und Widerstand bis zum letzten Mann!

Viel Pathos also, da zuviel britische Unbekümmertheit („Der Kampf ist mein Geschäft“, sagte Marschall Montgomery und wurde dafür bejubelt); viel amerikanisches Kreuzzugs-Denken; viel Aufwand – aber wenig Menschlichkeit. Die Herren Eser und Schättle („Entscheidung am Atlantikwall“) beschrieben den 6. Juni 1944 als einen langen Tag, an dem minuziös Geplantes zu wirksamer Ausführung kam: Zeugen wurden aufgeboten, alte Photos gezeigt, Skizzen angefertigt (welche Armee in welcher Stärke welchen Feindtruppen an welchen Orten begegnete), alliierte Feindplanung sah sich mit deutscher Chaotik konfrontiert (außer Rommel offensichtlich nur Dilettanten am Werk), und zu guter Letzt fiel dann auch noch das Stichwort „neues Europa“ – Verweis auf einen Nachkriegskontinent, der, so schien es, am 6. Juni 1944 gezeugt worden ist.

Tatsächlich? Und wenn ja, von welchem Europa, bitte sehr, war die Rede? Von einem nicht-faschistischen: gut und schön. Aber auch von einem geteilten wäre doch wohl zu sprechen – einem Erdteil, der weder vor Cherbourg noch in Stalingrad, sondern durch die Raubkriege der Nationalsozialisten und deren Debakel seine jetzige Gestalt gewann... und zwar durch Potenzierung von Leiden, die in den heroisch-nüchternen Dokumentationen schlichtweg ausgespart blieben. Gewiß, man zählte Tote auf und nannte Verwundetenzahlen: aber in der gleichen Manier, wie Panzer, Flugzeuge, Minen, Funkgeräte und künstliche Häfen abgehakt wurden.

Alleweil von hoch oben herab argumentiert, niemals aus der Perspektive von Menschen, die damals verreckten oder heute noch als Krüppel herumlaufen! Eine einzige Blickwendung hätte genügt, ein Wechsel der Sichtweise vom Allgemeinen zum Individuellen... Kein Hinweis auf den Massenmord von Oradour, vier Tage nach der Invasion, keine Erwähnung der Menschen in den Konzentrationslagern, die seit dem 6. Juni auf ihre Befreiung hoffen durften („Möge Gott geben, daß es schnell geht“), kein Gedenken an den Bauern Josef Hufnagel, der am 5. Juni 1944 ermordet wurde, weil er mit seinen Freunden über feindliche Nachrichtensendungen diskutiert hatte: „Das Gnadengesuch ist abgelehnt worden. Lebt wohl, meine Lieben, in der Ewigkeit sehen wir uns wieder.“

Nichts gegen eine sachliche Darstellung der Invasion, nichts, vor allem, gegen den Satz, daß Deutschland so oder so verloren war, damals: Wäre die Invasion gescheitert, hätten die Amerikaner, Monate später, die Atombombe über Hamburg, Berlin oder München gezündet. Aber ein Veto gegen Betrachtungsweisen, die über Zahlen und großen Formeln den kleinen einzelnen elenden Menschen vergißt: jene Millionen, deren Leiden in Hans Dollingers Zeugnissammlung „Kain, wo ist Dein Bruder?“ nachzulesen ist. („Was der Mensch im Zweiten Weltkrieg erleiden mußte – dokumentiert in Tagebüchern und Briefen.“) Ein Buch, das gerade in diesen Tagen gelesen werden sollte, wo sich ein Kriegsgeschehnis wieder einmal als Reißbrett-Parabel oder bewundernswerte Moritat drapiert.

Hohe Zeit, am Ende der Woche, die Kampfideologie mit der Wirklichkeit zu konfrontieren: „Die schwarzen Wagen kommen, die holen uns ab“, schrieb Bauer Hufnagel an seine Familie, „in einer Stunde bin ich tot.“ Momos