An Flucht war nicht mehr zu denken. Denn der Weg zurück war zu weit und der Engpaß zu eng, um der anstürmenden Front des „Kindergartens“ noch ausweichen zu können. Ich hatte etwa die Hälfte des Katzenstiegs zurückgelegt, als sich die Schar der plappernden, lachenden, kreischenden, brüllenden Zwerge in den Engpaß ergoß.

Der Katzenstieg ist etwa hundert Meter lang. Er verbindet die Hamburger Elbchaussee mit dem Philosophenweg, und er ist so schmal, daß zwei Erwachsene hier nur mit Mühe nebeneinander gehen können.

Ich war also rund fünfzig Meter auf diesem idyllischen Weg vorangekommen, als sich die Situation für mich schlagartig veränderte. Was da auf mich zukam, war Dschingis-Khans Horde unter sechs.

Die Frage: Soll man kämpfen, um durchzukommen, oder abwarten? Ich entschied mich für die zweite Möglichkeit und erstarrte angesichts der immer näher kommenden Front zu absoluter Bewegungslosigkeit.

Im Hintergrund, hinter der quirligen Horde, zwei riesige, alles überragende Figuren, die unablässig nach vorn brüllten: „Leila, nimm Uwe an die Hand!“ – „Ismail, warum läßt du Klaus nicht in Ruhe!“ – „Michael, komm zurück mit Achmed!“ – „Fatima, bitte, sei nicht so ungezogen!“ – Die Zurufe der Sozialpädagoginnen des Kinder-Tagesheims verhallten genauso ungehört wie weiland die der „Kindergärtnerinnen“.

Ich also mittendrin. Allein wie Gary Cooper in High Noon einer vielfachen Übermacht gegenüber. Natürlich, Leila hatte Uwe nicht an die Hand genommen, und Ismail fühlte sich keineswegs verpflichtet, Klaus in Ruhe zu lassen. Und Michael rammte mir doch tatsächlich den Achmed, den er in den Schwitzkasten genommen hatte, in den Bauch.

Als sie an mir vorbei waren – ich hatte keinen ernsthaften Schaden genommen –, schaute ich wohlgefällig zurück. Und da sah ich: Ein großer Schäferhund hatte sich in den Katzenstieg vorgewagt, nicht ahnend, was da auf ihn zukam.