Von Helmut Becker

Das Jahr 1984 bedeutet für uns den Einstieg in eine fortschrittliche Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts“, schwärmte am Jahresbeginn der Leitartikel der japanischen Tageszeitung Mainichi. Unbeeindruckt von europäischen Schreckensvisionen einer elektronischen Überwachung durch Big Brother begeistert sich das offizielle Japan für eine total verkabelte Zukunft. Seit Jahresanbruch vergeht kaum ein Tag ohne neue Berichte in Nippons Presse über eine Zukunft lückenloser elektronischer Datenerfassung, Kommunikation und Kontrolle.

„Durch die Ehe zwischen der elektronischen Kommunikation und dem Computer entsteht ein Band zwischen Wirtschaft und Privatem, das unser Leben von Grund auf verändern wird“, versucht die Mainichi dem Leser die schöne neue Welt schmackhaft zu machen. Das scheint in Nippons Wirtschaft inzwischen unwiderruflich beschlossene Sache zu sein. „Es gibt keine Branche, die frei wäre vom Einfluß der neuen Medien“, meint Takao Nakayama, geschäftsführender Direktor des „Japanischen Entwicklungszentrums für die Verbesserung von Informationen“ (Jipdec) in Tokio. Computerspezialist Nakayama, dessen Institut im Auftrag der japanischen Elektroindustrie und ihrer Großkunden die Regierung berät: „Unsere Computersysteme haben den Alltag bereits verändert.

Tatsächlich erscheint etwa die Bundesrepublik im Vergleich mit der intensiven Nutzung der Datenkommunikation in Japan ausgesprochen rückständig. Nach Angaben aus Nakayamas Institut waren Ende 1983 etwa 15 000 verschiedene private Datenverbundsysteme in Betrieb, Neben einem Bankenverbundnetz mit über 25 000 angeschlossenen Geldautomaten sind auch alle 20 000 Postsparkassen mit dem Zentralrechner der Post verbunden. Nippons große Wertpapierhäuser, Wirtschaftsforschungsinstitute und Teilzahlungsinstitute bieten heute bereits einundzwanzig kommerzielle Datenbankdienste an, über die etwa 5000 angeschlossene Kunden jederzeit elektronisch Auskünfte einholen können. Die restlichen Datenverbundsysteme arbeiten als hausinterne Kabelnetze der japanischen Großindustrie, davon schon über 600 mit breitbandigen Glasfasernetzen anstelle der in Deutschland üblichen Kupferkoaxialkabel.

Intensive Aufklärungsfeldzüge der Presse aber die Segnungen von Datenverbundsystemen ergänzen den Drang der Wirtschaft zur Verkabelung des Inselreiches: „Die Verbraucher können dann von zu Hause aus direkt beim Produzenten bestellen und die Gewinnspannen der Groß- und Einzelhändler selbst kassieren“, lautet die frohe Botschaft der Tageszeitung Asahi.

Neben dieser Verbraucherfreundlichkeit des Einkaufs geht es jedoch in erster Linie um den gigantischen Telekommunikations-Weltmarkt, um ein technisches Wettrennen mit der amerikanischen und europäischen Konkurrenz, das ohne Expansion des heimischen Marktes für Japans Elektroindustrie nicht zu gewinnen wäre. Die Regierung in Tokio und der öffentliche Telephon-Monopolist NTT haben einen umfassenden Verkabelungsplan bis zum Ende des Jahrhunderts vorgelegt.

Ein nationaler Kraftakt scheint der Regierung Nakasone unvermeidlich, denn „gegenwärtig kann Japan nur davon träumen, mit dem technologischen Fortschritt der gesamten Palette der Telekommunikation in den USA gleichzuziehen“, stellte die japanische Niederlassung des amerikanischen Broker-Riesen Prudential-Bache in einer Marktanalyse fest. Und: „Nach Abschluß der Anlaufphase Ende 1984 beginnt das Rennen um den ersten Platz auf dem Weltmarkt.