Warum die Sarden Italien als Kolonialmacht empfinden

Von Henning Klüver

Cagliari wird in diesem Frühjahr von Regenschauern ausgewaschen. Unter den etwas schmuddeligen Arkaden am Hafen, wo sich sonst bereits im Mai rot verbrannte junge deutsche Männer langweilen, die auf Sardinien bei den Nato-Truppen Dienst tun, bleiben die meisten Stühle der Straßencafes frei. Touristen lassen sich nur zaghaft blicken. Es ist kühl und feucht. Der Barmann flucht: "Das hat uns gerade noch gefehlt, daß wir uns selbst auf das Wetter nicht mehr verlassen können."

Die Stimmung in der Stadt ist gereizt. Überall, in Cafés, Läden, Restaurants, spürt man die Spannung, die wenig mit dem Wetter oder den Touristen zu tun hat, eher schon mit Soldaten.

Wir sitzen in einer Trattoria mit einer Gruppe von Arbeitern zusammen. Sie schimpfen über die Diebe und Gauner in der Regionalverwaltung und in der Zentralregierung in Rom. Die Arbeiter gehören zu einer Gewerkschaftsabordnung, die die Politiker an alte Versprechen in Sachen Arbeitsplätze erinnern wollte. Vor gut zwanzig Jahren wurde Sardinien mit großem Kapitalaufwand industrialisiert. Besonders um die beiden großen Städte Cagliari und Sassari entstanden chemische Werke und Raffinerien, die die Zahl von Arbeitsplätzen auf rund 450 000 hochschnellen ließ (bei rund 1,5 Millionen Einwohnern). Doch die Industrialisierung versprach mehr, als sie halten konnte. Von den Milliarden, die in die Insel gepumpt wurden, sind zahlreiche stillgelegte Betriebe übriggeblieben. Und rund 124 000 Arbeitslose. Mit 17prozentiger Arbeitslosigkeit liegt die Region in Italien einsam an der Spitze.

Das Ziel: eine Volksbefragung

Bei der Region ist die Delegation abgeblitzt, dort hat man auf Rom verwiesen. "Rom, Rom, wenn ich das schon höre!" Die Diskussion wird lauter. Unvorsichtigerweise sprechen wir von "Italienern". "Was, Italiener? Wir sind keine Italiener. Wir sind Sarden, seusu sardos", klingt es sofort in der Inselsprache. "Der italienische Staat hat uns immer ausgebeutet. Unsere Bodenschätze genommen. Unsere Soldaten." Stolz sagt der Arbeiter: "Wir sind eine Nation!" Sein Zauberwort heißt "Unabhängigkeit".