Von Nina Grunenberg

Ankara, im Juni

Es war kein Orientexpreß, aber es war auch nicht der große Flüchtlingstreck. „Ein türkisch Bus, ein Person deutsch“, meldete der Fahrer den österreichischen Grenzern. Für zweihundert Mark brachten er und sein Kollege, mit dem er sich am Lenkrad abwechselte, uns in 38 Stunden von München nach Istanbul: fünfzehn Passagiere, davon zwölf Männer und drei Frauen.

Rückkehrer hatten wir zwei an Bord – Arbeiter von Siemens in München, die mit kleinem Gepäck reisten. Ihr Umzug hatte lange stattgefunden, ihre Frauen warteten schon in der Türkei. Der eine erzählte, daß er in der Nähe von Edirne, in einer Kleinstadt an der Autostraße nach Istanbul, ein Schuhmachergeschäft aufgemacht habe. Die Abfindung, die er und seine Frau, auch sie arbeitete bei Siemens am Band, bekommen haben, betrug 43 000 Mark. Als er merkte, daß mich die Höhe der Summe überraschte, freute er sich. Auch er fand das nicht schlecht. Immerhin hatte er elf Jahre in der Bundesrepublik gearbeitet.

Die anderen benutzten die preiswerte Fahrt mit dem Bus nur, um einen Kurzurlaub zu machen. Einer der Männer, er arbeitete beim Süddeutschen Verlag in München in der Auslandsexpedition, mußte nach Istanbul, weil er Ärger mit den Bewohnern seines Hauses hatte: Sie zahlen die Miete nicht pünktlich. Nun wollte er selber nach dem rechten sehen. Die großen Ferien in der Türkei kommen erst noch – auch für Emina, eine der beiden Türkinnen, die mit ihrer Freundin unterwegs war. Beide stammen aus Izmir und wollten zu ihren Familien. Emina legte großen Wert auf die Feststellung, daß sie im Sommer mit ihrem Mann in einem neuen weißen Opel Ascona für 35 000 Mark nach Hause reisen wird. Die Fahrt mit dem Bus fand sie ein bißchen unter ihrem Niveau.

Emina, auf deutsch heißt das „weißer Honig“, war eine Nummer für sich. Ihr Geld verdient sie bei Kunert in Mindelheim. Dort steht sie am Band und macht Strümpfe im Akkord. Zwei Jahre will sie noch „schaffen“, „dann Taschen voll, woischt?“ Über die Jahre ist sie eine schwäbische Türkin geworden. Aber ihre Umgebung hat anscheinend nicht nur ihr Deutsch eingefärbt – „jo mei“ –, sondern auch ihre Einstellung zu Besitz und Geld. Im Waschraum einer jugoslawischen Raststätte erklärte sie unter uns Frauen: „Emina ist keine arme Frau, woischt?“ und streifte den alten Strumpf ab, den sie über dem rechten Handgelenk trug: Zwölf goldene Armreifen kommen da zum Vorschein, Ware vom Bazar, das Stück zu tausend Mark, sagte Emina. Sie sind jederzeit wieder rücktauschbar in Bargeld. Das ist für sie die Hauptsache. Auch ihre Freundin, sie arbeitete in Mindelheim als Spülhilfe in einer Gaststätte, besaß Goldreifen, nur nicht so viele. Der Deutschen wurde von den Türkinnen dringend angeraten, sich für Notzeiten in gleicher Weise zu versorgen.

Für die Arbeiten, die diese Türkinnen verrichteten, brauchten sie offenbar keine deutsche Konkurrenz zu fürchten. Jedenfalls schien keiner aus der Reisegesellschaft Angst um seinen Arbeitsplatz zu haben. Die meisten von ihnen lebten seit zehn, zwölf und mehr Jahren in der Bundesrepublik, auch Emina.