Von Peter Christ

Die Summen sind lächerlich, jedenfalls für die Prozeßgegner, deren Anwälte sich am Mittwoch dieser Woche im Saal 717 A des Hamburger Landgerichts getroffen haben. Zehn Millionen Mark Schadenersatz will die Neue Heimat von ihrem ehemaligen Chef Albert Vietor haben. Der wiederum verlangt 22 Monatsgehälter von jeweils rund 44 000 Mark, die ihm durch seine Entlassung entgangen sind.

Doch was sind schon zehn Millionen Mark für die Neue Heimat, bei der seit 1981 mehr als zwei Milliarden Mark Verluste aufgelaufen sind? Damit saniert die marode Unternehmensgruppe gerade ihre Portokasse. Und Albert Vietor, der von sich sagt, ihm gehörten 270 und eine halbe Mietwohnung, kann leicht auf die ausstehenden Gehälter und auch noch auf die Pension verzichten. Er bleibt ein reicher Mann, dem außer den Mietwohnungen noch eine riesige Villa im holsteinischen Wedel und ein herrschaftliches Anwesen im malerischen Tessin oberhalb des Lago Maggiore gehören. Geld zu haben allein genügt nicht, es muß auch in der Schweiz sein.

Nein, um das finanzielle Wohlergehen des unfreiwilligen Pensionärs muß sich niemand sorgen. Er hat vorgebaut, und zwar so gründlich, daß die Neue Heimat glaubte, ihn fristlos feuern zu müssen, als im Februar 1982 die umfangreichen und einträglichen Nebengeschäfte von Vietor und seinen Vorstandskollegen Harro Iden und Wolfgang Vormbrock aufgedeckt wurden. Der gewerkschaftseigene Baukonzern wirft seinem ehemaligen Top-Manager vor, mit den Privatgeschäften gegen die Satzung und Geschäftsordnung des Unternehmens und gegen den Dienstvertrag verstoßen zu haben.

Der Beweis dafür wird nicht leicht zu erbringen sein. Im Prozeß gegen die ehemaligen Geschäftsführer Harro Iden und Wolfgang Vormbrock, beide wie Vietor am 28. Februar 1982 fristlos entlassen, folgte der Richter des Landgerichts jedenfalls nicht der Argumentation der Neuen Heimat. Er meinte, der Baukonzern sei mit der fristlosen Kündigung „über das Ziel hinausgeschossen“. Das Dienstverhältnis sei dadurch nicht aufgelöst worden.

Hat diese Entscheidung Bestand, dann stehen Iden bis zum Auslaufen seines Vertrages Ende 1985 noch rund 1,65 Millionen Mark Gehalt zu; er hat monatlich fast 36 000 Mark verdient. Vormbrock, der knapp 30 000 Mark Monatsgehalt hatte, bekäme nahezu 1,4 Millionen Mark. Einen Vergleichsvorschlag des Gerichts, der vorsah, Iden eine Abfindung von 800 000 Mark und Vormbrock 600 000 Mark zu zahlen, lehnten die Aufsichtsräte der Neuen Heimat ab. Auch der Hinweis des Richters, es könne „nicht im Interesse der Beteiligten und Institutionen liegen, im Sumpf zu rühren ‚ fruchtete nicht. Die Gewerkschaftsbosse in den Aufsichtsräten fürchteten den Zorn ihrer Mitglieder.

Die hätten auch keinerlei Verständnis für ein friedliches Arrangement mit Vietor. Und die Chancen der Neuen Heimat scheinen im Vietor-Prozeß besser zu stehen als im Verfahren gegen Iden und Vormbrock, das in der zweiten Instanz ist. Denn anders als seine beiden Ex-Kollegen war Vietor auch an der Münchner Immobilienfirma Terrafinanz beteiligt. Über den Strohmann Ernst Wölbern, der Vietors Interessen auch bei anderen zwielichtigen Geschäften treuhänderisch vertrat, hielt Vietor nach eigenen Angaben bis 1972 dreizehn Prozent des hochprofitablen Unternehmens. Mit von der Partie war auch noch Vietors Vorgänger Heinrich Plett, der damalige bayerische NH-Chef Ludwig Geigenberger, gegen den ebenfalls eine Klage läuft, und die ehemaligen NH-Manager Herbert Ritze und Walter Beyn.