Von Hans Otto Eglau

Die Spitzen von Politik und Industrie gaben sich die Ehre: Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff erschien in Südkorea, Entwicklungshilfeminister Jürgen Warnke in Singapur, Außenminister Hans-Dietrich Genscher in Thailand, Bundespräsident Karl Carstens besuchte auf seiner letzten Auslandsvisite Indonesien und Thailand. Nur vier Monate zuvor hatte Kanzler Helmut Kohl in der indonesischen Hauptstadt Djakarta das deutsche Interesse an dem 154 Millionen Einwohner zählenden Inselreich bekundet.

Fast gleichzeitig bereiste eine zwanzigköpfige Industriedelegation unter Leitung von BDI-Präsident Rolf Rodenstock Singapur, die Philippinen und Thailand. „Es gibt derzeit einen wahren Pilgerstrom in diese Region“, apostrophiert Herbert Brenke, Sprecher der Geschäftsführung der Firma Thyssen Rheinstahl Technik, die Reiseaktivitäten der letzten Monate.

Aber nicht nur Offizielle zieht es derzeit mit scheinbar magischer Kraft nach Südostasien. In Scharen nutzten im April Aussteller der deutschen Leistungsschau ihren Tokio-Trip zu einem Abstecher nach Korea. „Da kamen mehr führende Leute nach Seoul als in den ganzen drei Jahren zuvor“, berichtet Florian Schuffner, Geschäftsführer der Deutsch-Koreanischen Handelskammer.

Die Airlines melden allenthalben stolze Verkaufsrekorde. „Sie haben auf dieser Route vielfach Schwierigkeiten, noch einen Platz zu bekommen“, berichtet Jörg Wiegand, Gesellschafter der auf schlüsselfertige Glasfabriken spezialisierten Allgäuer Firma Oberland Glas, die vor allem mit Thailand gut im Geschäft ist. Angeregt durch den hektischen Business-Tourismus wird die Deutsche Lufthansa ab Herbst auch Korea anfliegen. Peter Jungen, Chef der Kölner Industrieanlagengruppe PHB Weserhütte: „Asia Pacific ist derzeit in.“

Daß die Deutschen gerade jetzt die in der Astin-Gemeinschaft zusammengeschlossenen Länder Indonesien, Philippinen, Malaysia, Singapur und Thailand sowie die fortgeschrittenen „Schwellenländer“ Korea, Taiwan und Hongkong als Zukunftsmarkt entdecken, hat plausible Gründe: Vor allem die international überschuldeten Staaten Südamerikas fallen als Abnehmer von Industriegütern Made in Germany bis auf weiteres aus; als Folge sinkender Ölerträge fließt auch der Orderstrom aus dem Nahen Osten nur noch tröpfchenweise. Gleichzeitig sagen die Experten den Pazifik-Anrainern für die Zukunft ein Wirtschaftswachstum voraus, das weit über dem Westeuropas liegen soll.

Wenn man bedenkt, daß der 266 Millionen Menschen zählende Asean-Markt „schon seit zehn Jahren hinter den Golfstaaten die höchsten Wachstumsraten aufweist, kommen wir sehr spät“, kritisiert Jungen die Versäumnisse der deutschen Industrie. In der Tat sind die Märkte Südostasiens anders als die neureichen Nahostländer nach den Ölpreisexplosionen von 1973 und 1979 zum größten Teil bereits fest in der Hand unserer schärfsten Konkurrenten. In allen Ländern der Region rangieren Japaner und Amerikaner im Export vor der EG auf den beiden ersten Plätzen. Die einzige Ausnahme bildet Indonesien, wo die Europäer 1982 mit einem Anteil von 18,2 Prozent hinter den Japanern (28,3 Prozent) auf dem zweiten Platz lagen. Unter „ferner liefen“ rangieren sie ausgerechnet in den schon am meisten entwickelten Märkten: in Singapur bringen es alle Europäer zusammen nur auf 10,3 bringen in Taiwan auf 7,2 Prozent und in Südkorea nur auf 6,8 Prozent.