ZEIT: Herr Minister, die Aussage, daß die nächste Steuersenkung die größte in der Geschichte der Bundesrepublik sein werde, stammt zwar nicht von Ihnen, sondern vom Bundeskanzler, aber Sie haben sie unterstützt. Wie reagieren Sie nun darauf, daß der Kanzler diese Aussage relativiert, sowohl zum Zeitpunkt der Steuersenkung als auch von ihrem Volumen her?

Lambsdorff: In der Tat habe ich die sowohl in der Form als auch bezüglich des Zeitpunkts 1986 erfreulich eindeutige Ankündigung des Bundeskanzlers mehrmals begrüßt. Nun aber muß angesichts des langanhaltenden Arbeitskampfes leider ein Fragezeichen gesetzt werden. Wir müssen uns auf die Möglichkeit einer Steuersenkung in zwei Schritten einrichten. Das wäre ein in meinen Augen wenig wünschenswerter Ausweg. Ich kann heute noch nicht übersehen, ob es der einzige Ausweg ist, der uns übrigbleibt. Wenig wünschenswert wäre es wegen der zunehmenden Gefährdung der konjunkturellen Entwicklung sowohl binnenwirtschaftlich als auch weltwirtschaftlich.

ZEIT: Wenn schon solche Einschränkungen überlegt werden müssen – würden Sie dann eher Abstriche beim Termin der Steuersenkung machen als bei ihrem Volumen? Kommt es Ihnen also vorrangig auf eine „große Lösung“ der Steuersenkung an?

Lambsdorff: Ich wünsche mir einen möglichst großen Schritt, möglichst am 1. 1. 1986. Zweit-Lösung: Die Größenordnung beibehalten und die Steuern notfalls in zwei Schritten senken mit einer konjunktur- und wirtschaftspolitisch vernünftigen Aufteilung zwischen Tarifreform und familienpolitischer Entlastung. Was ich für ganz unglücklich hielte und absolut ausschließe, wäre eine Verschiebung des Gesamtprojektes, selbst bei einer vom Volumen her großen Lösung, in das Jahr 1988.

ZEIT: Verändert sich im Lichte einer möglichen Zweiteilung der Steuersenkung die Frage der „Kompensation“ durch Einsparungen und Steuererhöhungen?

Lambsdorff: Wir haben immer für eine Lösung möglichst ohne Kompensation plädiert. Und so, wie die Diskussion derzeit verläuft, mag es die ein oder andere Kompensation noch geben, aber insgesamt nicht in nennenswertem Ausmaß.

ZEIT: Aber eine große Steuerentlastung ohne nennenswerte Kompensation ist doch nach den Festlegungen des Finanzministers kaum drin.