Von Rudolf Walter Leonhardt

London, im Juni

Am Morgen war sie noch bei den streikenden Metallarbeitern in Hessen gewesen. Mittags kam die Rüsselsheimer Abgeordnete des Europa-Parlaments Heidemarie Wieczorek-Zeul auf dem Flughafen London-Heathrow an. Nach kurzem Aufenthalt in einem eher bescheidenen Hotel wurde sie abgeholt von Anita Pollack, der Labour-Kandidatin für den Europa-Wahlkreis Südwest-London.

Erste Station war ein riesiger Wohnblock in Wandsworth. Elfhundert Sozialwohnungen, zur Hälfte an Farbige vermietet, galten als vorbildlich, als sie vor acht Jahren gebaut wurden. Jetzt aber schien die zunächst so gelassen wirkende Zwanzigjährige, bildschön, westindischer Herkunft, offenbar das Vorzeigemädchen der um diese Siedlung bemühten Sozialhelfer, geradezu haßerfüllt: „Wir werden hier gehalten wie Tiere.“

Dann fuhr die Abgeordnete ins ehemalige Commonwealth Office zu einem Spezialisten für Außenhandelsbeziehungen, um die sie sich in einem Ausschuß der Europäischen Gemeinschaft kümmert.

Um sechs Uhr sollten sie sich alle in einem Restaurant in der Streatham High Road treffen: die Wahlhelfer, der Journalist, die englische Kandidatin, die deutsche Abgeordnete, der englische Star – kurz, alle diejenigen, für die sich die englischen Prioritäten an diesem 6. Juni verschoben hatten. Die Nation feiert den D-Day genannten Tag der Landung amerikanisch-britischer Invasionstruppen in der Normandie. Auch die Queen war dort, die doch – Tagesereignis Nummer 2 – viel lieber beim Derby in Epsom gewesen wäre. Für die Wackeren jedoch war das Hauptereignis des Tages eine abendliche Versammlung im Europawahlkampf.

Ein Irrtum wuchs sich aus zum Intelligenztest: In Streatham High Road Nr. 109 gibt es nur einen Zahnarzt, keine Gaststätte. Die einen fragten alle möglichen Passanten. Die anderen gingen zur Polizei. Mein dritter Taxifahrer – die ersten beiden hatten eine Fahrt so weit in die Außenbezirke abgelehnt – kam zu der klaren Erkenntnis: Entweder stimmt die Nummer nicht, oder die Straße stimmt nicht. Der Einfallsreichtum bei der Namensgebung für Londoner Vorstadt-Straßen legte zwei Varianten nahe: Streatham Hill oder Streatham Road. Da die Nr. 109 weder hier noch dort ein Lokal auswies, konzentrierten wir uns auf die High Road, fuhren ganz langsam die eine Seite hinauf und die andere wieder herunter: und siehe, da war es, „Il Caretto“, Nr. 26.