Von Tom R. Schulz

Auf der Fahrt zum Konzert hält der Zug plötzlich neben einem Feld an, auf freier Strecke. Die Stunden davor saß ich in meinem Abteil, Zeitungen auf den Knien, und ließ die Landschaft unbeachtet an mir vorüberflitzen. Die ganze Zeit hatte ich über die streikenden Arbeiter, über aussperrende Unternehmer und über Unruhen und Kampfe in der Welt gelesen. Nun schreckte ich von der Lektüre hoch und sah ins Freie. Durch die rötlich getönten Scheiben sah ich die Ursache der Unterbrechung, eine Baustelle, schaufelnde Arbeiter, hinter ihnen ein Feld, an dessen, Rand ein paar blühende Obstbäume standen. Über der Szene lag ein grauer Himmel mit düsteren Gewitterwolken.

Aber die Bäume waren schön. Sie blühten dem drohenden Unwetter zum Trotz und auch ungerührt von Arbeitskämpfen und Weltpolitik vor sich hin. Alle drei Eindrücke gehörten jedoch plötzlich zusammen, denn ihre Verknüpfung schien mir ein geheimer Hinweis darauf zu sein, was mich am Abend erwarten sollte. Ist denn Wolf Biermann, zu dessen Auftritt ich unterwegs war, nicht einer, der dauernd so durch die Welt läuft, der Lebenskraft saugt aus dem scheinbar Unvereinbaren und für den das quasi simultane Denken in politischen und das Fühlen und Betrachten in ästhetischen Kategorien ganz natürlich ist? Der virtuose Dialektiker, der das Politische immer neben und gegen das Private gestellt und über gesellschaftliche Verhältnisse mit einem Kopf nachgedacht hat, dessen Augen auch noch mit Lust und Freude Blicke auf das „unpolitische“ Schöne werfen konnten?

Später dann, bei seinem fast ausverkauften Konzert, macht der 1936 geborene Sänger beinahe drei Stunden lang vor, wie das (für ihn) ist mit der Dialektik, die alles auseinandernimmt und die alles zusammenhält. Es waren zwar keine Kirschblütenlieder und auch nicht solche über den Kampf um Arbeitszeitverkürzung, die Biermann an diesem Abend sang und auf die ich seit meiner unterbrochenen Bahnfahrt gefaßt war, aber wenigstens kam die „graue Wolkenwand“ aus dem alten Barlach-Lied vor, die sich „auf uns legen“ will und mit deren Regen alles fortgespült wird, was die Ratten, die durch die Türen dringen, noch übrig gelassen haben.

So genau erfüllte sich meine Vision also nicht; aber so Gegensätzliches wie den „Frühling auf dem Mont Klamott“ und die Folter in der Türkei, die Wehklagen über den Liebeskummer wegen seiner Tine und die über die Verschwundenen in Südamerika, die von Militärs verschleppt, vergewaltigt, ermordet und in Massengräbern verscharrt werden, verbindet Biermann doch zu Themen, die ihm gleich wichtig sind.

Manchmal ist das kaum auszuhalten. Seinen Gram über sein „Lieb“, seine Tine, die jetzt einen anderen liebt, breitet er nämlich mit einer solchen Schonungslosigkeit auch sich selber gegenüber aus, daß man manchen Moment fürchtet, er werde über den Verlust der Geliebten gleich hier auf der Bühne in Tränen ausbrechen. Das Quälende ist die Literarisierung seines Schmerzes: das für das Publikum schon wieder künstlerisch aufbereitete Liebeselend. So hört man Lieder, von denen man ihn anflehen möchte, sie doch ganz allein am nun leeren Bett der untreuen Liebsten zu singen; sie sind so flüsternd-privat, daß man sich zwangsläufig vorkommt wie ein Spanner an der Klagemauer.

Aber den Gefallen tut er uns nicht. Die Legitimation für die Offenheit, die ihn sogar zugeben läßt, daß diesmal er der Verlassene sei, holt er sich von seinem scharfen intellektuellen, aber in eine weiche Seele gebetteten Gewissen, das ihm von der Trennung des öffentlichen vom Privaten abrät. Denn die Liebe zu einem einzelnen Menschen, sagt er, sei nicht etwas, das mit Politik nichts zu tun habe; vielmehr nennten die Leute bloß Politik, was doch nur die Liebe zu vielen Menschen sei. „Ich will es noch schärfer sagen“, steigert sich Biermann dann, „wer nicht wirklich Liebe zu einigen Menschen empfindet, den sollte man gar nicht auf die Menschheit loslassen.“