Im indischen Unionsstaat Panjab hat die Armee das größte Heiligtum der Sikhs, den Goldenen Tempel in Amritsar, gestürmt. Bei der Operation kamen fast tausend Menschen ums Leben.

Unter den Leichenbergen wurden auch die von Kugeln durchsiebten Leichen des Separatistenführers Sant Jarnail Singn Bhindranwale und des ehemaligen Führers der Sikh-Studentenschaft, Amrik Singh, gefunden. Bhindranwale, ein 36jähriger Prediger mit Chomeini-Appeal, war der Ideologe einer neuen jungen Generation fanatischer, militanter Sikhs. Amrik Singh bildete seine jugendlichen Sturmtruppen an Waffen aus und schwor sie darauf ein, ihr Leben für die Sache der Sikhs zu opfern. Diese Sache hieß für ihn und seine Getreuen: Haß auf die Hindus Indiens und Kampf für „Khalistan“, einen autonomen Staat der Sikhs im Panjab.

Die beiden Männer zählten zu den von der Polizei meistgesuchten unter den fast 700 Millionen Indern. Indira Gandhis Regierung in Delhi bezeichnete sie als Hauptverantwortliche für den seit zwei Jahren stetig wachsenden Sikh-Terrorismus im Lande. Bis zum Sturm auf den Goldenen Tempel starben dabei allein im Bundesstaat Panjab seit Anfang des Jahres etwa 300 Menschen.

Bhindranwale war es gelungen, immer mehr Sikhs aus dem Lager der Moderaten zu sich herüberzuziehen. Zweifellos war er zuletzt der populärste religiöse Führer seiner etwa zehn Millionen Seelen, zählenden Glaubensgemeinschaft. Seine täglichen Audienzen auf dem Dach des Goldenen Tempels glichen Massenveranstaltungen. In diesem bedeutendsten Heiligtum, wo die Sikhs das Original ihrer heiligen Schrift verwahren, hielten er und viele seiner schwerbewaffneten Anhänger sich seit zwei Jahren versetzt. Zuletzt kämpften sie hinter der mit Sandsäcken und Mauersteinen verbarrikadierten Filigranfassade des Akal Takht, des zweitheiligsten Gebäudes in dem riesigen Tempelkomplex.

Bhindranwales Gegenspieler in den eigenen Reihen, organisiert in der Sikh-Partei Akali Dal, waren mit ihrer gemäßigten Haltung zunehmend ins Abseits geraten und gezwungen, sich immer mehr den Radikalen anzupassen, um nicht völlig in die Isolation zu geraten.

Einen derartigen Einsatz der indischen Armee gegen einen Unionsstaat wie jetzt im Panjab, mit strikten Reiseverboten und totaler Nachrichtensperre, die zwei Monate anhalten soll, hat es noch nie in der Geschichte der Indischen Union gegeben. Angesichts der immer tiefer werdenden Kluft zwischen der Minderheit der Sikhs und den Hindus hatte sich Indira Gandhi im Blick auf die bevorstehenden, für sie schwierigen Wahlen zu diesem massiven Einsatz der Armee entschlossen. Der Schlag gegen die Sikhs im Panjab war aber vor allem auch eine Warnung an die in vielen Landesteilen aktiven Sezessionsbestrebungen.

Ob die Premierministerin damit gut beraten war, ist zu bezweifeln, Nicht nur, daß die Aktion wahrscheinlich viel zu spät gekommen ist, um Hindu-Wähler und Separatisten zu beeindrucken, Indira Gandhi hat mit der Entweihung des Goldenen Tempels nun auch die gemäßigten Sikhs in die Isolation getrieben, auf deren Zusammenarbeit die Regierungschefin angewiesen ist. Wenn es ihr jetzt nicht schnellstens gelingt, den Dialog mit den bislang friedlichen Führern der Sikhs wieder aufzunehmen, und mit ihnen über mehr Autonomie für den Panjab und Gleichberechtigung für die Minderheit zu verhandeln, werden immer mehr Sikhs in das Lager der Extremisten überwechseln.