Der Irrsinn des nun schon 45 Monate tobenden Regimekreuzzuges zwischen dem Irak und Iran dauert weiter an. Er offenbart schreckliche Menschenverachtung hüben wie drüben, er forderte bisher Hunderttausende von Toten, Verwundeten und Krüppeln. Bagdad kämpft mit Giftgas und Massenvernichtungswaffen, Teheran wirft fanatisierte Kinderdivisionen und Menschenlawinen in die Schlacht. Beide Seiten verlegen sich jetzt auf Vernichtungsschlage gegen Tanker und Ölanlagen, die der ganzen Region ans Mark zu gehen drohen. Der Krieg, in den Schatt-al-Arab-Sümpfen steckengeblieben, hat sich aufs Meer verlagert und durch Iraks Raketeneinsätze zum strategischen Tankerkrieg ausgeweitet.

Die Luft am Golf ist voll von Ölbrandgeruch und explosiven Drohungen. Bagdad gibt sich störrisch und hart. An der totalen Blockade gegen Teherans Ölhafen wird festgehalten, vor allem gegen den Inselterminal Kharg, über den neunzig Prozent der iranischen Ölexporte laufen. Saddam Hussein fühlt sich durch die UN-Sicherheitsratsresolution ermutigt, die dem Iran alle Schuld am Seekrieg auflädt und den Irak weißwäscht. Der Bagdader Staatschef orakelt, in Kürze verfüge er über die nötigen Waffen – sowjetische SS-21-Raketen? –, um Kharg zu zerstören und Irans Ölmacht zu brechen: „Der Tag rückt näher.“

Dieser maritimen Kriegsperspektive hält Oberst Ali Sayad Schirazi, einst Oberkommandierender des iranischen Heeres, zur Zeit Oberbefehlshaber an der brodelnden Südfront, Teherans Landkriegsprognose entgegen: „Der Endsieg naht, wir sind jederzeit in der Lage, die Iraker aus ihren Stellungen zu werfen.“ Haschemi Rafsanjani, Parlamentspräsident und starker Mann im iranischen Machtzentrum, haut in dieselbe Kerbe: Der Iran werde „diesen Krieg durch einen schnellen und entscheidenden Schachzug beenden“.

Es sieht in der Tat so aus, als bereiteten sich die durch Saddam Husseins Würgegriff um Kharg herausgeforderten Ajatollahs nun doch auf die Entscheidungsschlacht vor; und zwar durch die Verlagerung des Kriegsschwerpunktes von den Seewegen und vom Ölnerv zurück aufs Land. So vermelden es auch westliche Aufklärungssatelliten und Militärexperten, die besorgt den Aufmarsch von einer halben Million Iranern im Morastgebiet des Tigris zwischen Basra und Al Qurnah verfolgen und die der Dampfwalze dieser heiligen Kriegermassen den Durchbruch zutrauen.

Zugleich warnt Teheran die arabischen Golfstaaten. Staatspräsident Ali Khamenei fordert „echte Neutralität“ und Distanz gegenüber Bagdad, andernfalls wären „Konsequenzen zu tragen“. Haschemi Rafsanjani: „Entweder bleibt der Golf für alle offen oder für niemanden... wenn wir uns dafür entscheiden, werden wir die ölinstallationen der Staaten am Persischen Golf so zerstören, daß schnelle Reparatur nicht möglich ist.“ Nach langem Zögern hat Teheran den von Saddam seit Jahresbeginn hingeworfenen Fehdehandschuh, die Tankerkriegeskalation, aufgenommen.

Das war die Botschaft der ersten und bisher einzigen Attacken iranischer F-4-Phantomjäger auf zwei Kuwaitische ölfrachter vom 13. und 14. Mai und auf den Saudi-Supertanker „Yanbu Pride“, der zwei Tage später vor dem Pipeline-Hafen Ras Tanura in Flammen aufging. Iran droht mit Gegengewalt, die bis zur Schließung der Meerenge von Hormuz gehen und die arabischen Golfanrainer „im größtmöglichen Ausmaß“, so Rafsanjani, ihrer Ölexporte berauben könnte. Anvisiert sind in erster Linie Saudi-Arabien und Kuwait, die seit 1980 rund 40 Milliarden Dollar in Saddam Husseins Kriegskassen schütteten und den bankrotten Irak heute über Wasser halten. Sie sollen unter Druck gesetzt werden, um ihrerseits Druck auf das Bagdader Regime auszuüben und es zum Abblasen des Seekriegs zu bewegen.

Droh-Dialog unter Stummen